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Stufenlose Wege – Mahamudra und Dzogchen


Im Buddhismus gab es von allem Anfang an stufenlose Wege. Das sind Praxismethoden, die von sich behaupten, durch eine einzige stetig angewandte Methode zur Verwirklichung des Dharma zu gelangen. Oft greifen solche Wege die anderen Methoden direkt an, man findet häufig Aussagen der Art, „Keine Methode der Meditation führt zur Buddhaschaft“ und ähnliches mehr. In Wirklichkeit geht es bei solchen Aussagen oft darum, das Anhaften des Geistes an ein bestimmtes Konstrukt zu verhindern, was aber nur wirken kann, wenn man bereits lange eine bestimmte Methode geübt hat.

Wer sich etwa die berühmte Dzogchen-Abhandlung von Dudjom Lingpa mit dem Titel

„Buddhahood without Meditation“ in der Hoffnung besorgt, die Erleuchtung ohne Anstrengung und ohne Meister zu erlangen, wird enttäuscht werden. Die ganze im Westen sehr häufig anzutreffende Vorstellung, daß die „Erleuchtung“ manchen Leuten plötzlich und ohne Anstrengung in den Schoß fällt, ist irreführender Humbug, der sich nur die Eigenschaft zu nutze macht, nichts ändern zu wollen. Leider wird viel Geschäft mit der Idee der nicht-existenten „Instant-Erleuchtung“ gemacht, viele Leute glauben, daß es irgendwie ganz einfach und rasch gehen müsste, wenn man nur wüsste, wie. Ich hoffe, im Verlauf dieses Kurses klar dargelegt zu haben, daß es keine Abkürzungen gibt, zwischen dem Bewußtseinszustand eines Durchschnittsmenschen und dem Bewußtseinzustand eines Menschen, der Anuttara-Samyak-Sambodhi, die Buddhaschaft erlangt hat, liegen WELTEN, diese können genauso wenig mit einem Sprung durchmessen werden, wie man nicht mit einem Sprung auf die Oberfläche des Mondes gelangen kann. Das gilt natürlich auch für all die „leichten“, „raschen“ und „anstrengungslosen“ Methoden, die heutzutage auch in Ankündigungen von Vajrayana-Lamas immer wieder auftauchen, womit sie nur auf die Erfordernisse des spirituellen Supermarktes eingehen.


Schon im Urbuddhismus gibt es den Pfad des „Hörers“ (Shravaka, sk.), einer Person, die durch bloßes HÖREN einer Lehrunterweisung des Buddha sofort das Stadium des Arahat erreicht, wenn man genauer hinsieht, handelt es sich zumeist um Leute, die vorher schon jede Menge andere Meditation geübt haben, w. B. der Brahmane Shariputra, einer der Hauptschüler des Buddha Shakyamuni. Abgesehen davon unterscheidet sich der Arahat beträchtlich vom Buddha, wie wir schon gehört haben.


Im Mahayana gibt es eine sehr bekannte stufenlose Tradition, den Zen-Buddhismus.

Zu diesem Wort:

Meditation= Dhyana (sk.) = Ch'an (chin.) = Zen (jap.)

Diese Tradition beruht philosophisch auf der Prajna-Paramita-Literatur, die Methode besteht in einer völlig form- und objektlosen Meditation, welche direkt die Leerheitserkenntnis zu erlangen und zu stabilisieren sucht. Die Zen-Literatur ist geradezu übervoll mit Aussagen, daß durch keinerlei Anstrengung ein Resultat zu erzielen sei und daß es keinerlei Stufen, Methoden, Verfahren etc. gibt, das Resultat zu erreichen. Wenn man das nur intellektuell versteht, ohne sich der äußerst rigorosen Zen-Schulung tatsächlich zu unterziehen, wird man allerdings vor lauter Nicht-Anstrengung auch wirklich keinerlei Resultat erzielen!

Interessant für uns ist, daß es im Tibet unter König Trisong Detsen (jener, welcher Padmasambhava einlud) eine Debatte zwischen den Anhängern des Vajrayana-Stufenwegs und des Ch'an gab, die vom König zugunsten des Vajrayana entschieden wurde. Das hat aber auch politisch-soziale Gründe, und liegt nicht unbedingt an einer tatsächlichen Überlegenheit des Vajrayana (wie dessen Anhänger natürlich allzugerne glauben).

Im Vajrayana gibt es zwei stufenlose Lehrsysteme, Mahamudra (sk.) und Dzogchen (tib. die Sanskrit-Bezeichnung ist Maha-Ati, ist aber viel weniger geläufig). Beide Lehren gehören zum Vajrayana, in beiden Lehren gilt das allgemein über das Vajrayana gesagte (siehe Teil 4), insbesonders, was das Erfordernis eines Meisters betrifft. Beide Lehren stehen im Vajrayana am Ende der Lehrsysteme, NACH dem Durchlaufen des Gottheitenyoga der höchsten Tantraklasse mit Erzeugungs- und Vollendungsphase wird in den neuen Schulen (Sakya, Kagyü, Gelug) Mahamudra

gelehrt, in der alten Schule (Nyingma) wird Dzogchen gelehrt.


Ich zitiere zunächst aus einem berühmten Mahamudra-Text (er folgt in Kürze zur Gänze):

„Die Leere bedarf keiner Stütze, Mahamudra stützt sich auf nichts.

Ohne sich anzustrengen, gelöst und natürlich bleibend, kann man das Joch zerbrechen und Befreiung erlangen.“


Statt Mahamudra könnte in diesem Zusammenhang ohne weiteres Dzogchen stehen. Es erhebt sich nur die Frage, warum man erst über Jahre hinweg ein Gottheitenyoga der Anuttara-Klasse mit komplexen Ritualen, Visualisationen und Yoga-Übungen praktizieren muss, um schließlich ohne Anstrengung Befreiung zu erlangen, warum wird man nicht gleich in diesen Lehren unterwiesen?

Seltsamerweise gibt die Mahamudra- und Dzogchen-Literatur auf diese Frage kaum Antworten, sie tut sogar oft so, wie als wäre der wirkliche Kern des Dharma eben in Mahamudra bzw. Dzogchen zu finden, alle anderen Dharma-Übungen wären eher uninteressant bis irreführend, oft heißt es sogar, daß Methoden wie das Gottheitenyoga NICHT zur Befreiung führen. (Dieses Argument hört man dann in Diskussionen z. B. mit selbst ernannten Dzogchen-Praktizierenden, die auf einen leicht verächtlich herabblicken, wenn sie hören, daß man Gottheitenyoga übt, womöglich noch in Einzelretreats. Sie halten das für einen Irrweg, freilich ohne zu wissen, zu welchen sehr angenehmen Möglichkeiten das Gottheitenyoga führt ....).

Antwort auf diese Frage, gewissermaßen die Kernfrage des Vajrayana, findet man am ehesten noch in der Literatur über das Gottheitenyoga, etwa in den eigentlichen Quellen, den Wurzeltantras. Mahamudra bzw. Dzogchen bildet nämlich immer den ABSCHLUSS des Gottheitenyoga und wird dementsprechend auch in den Texten behandelt. Diese Darlegungen sind aber sehr technisch und eigentlich nur Leuten verständlich, die das jeweilige Gottheitenyoga üben. Ich werde in der Folge eine Antwort geben, die auf Details aus einem bestimmten Wurzeltantra verzichtet:


Aus der Welt der modernen Physik hören wir immer wieder, daß die Antwort auf die großen Rätsel der Natur oft von fundamentaler Einfachheit und Schönheit sind. Ein schönes Beispiel ist die berühmte Formel, die Einstein gefunden hat:


Energie = Masse mal Quadrat der Lichtgeschwindigkeit.


Jeder einigermaßen gebildete Mensch kann diese Formel „verstehen“, sie erfordert als mathematischen Hintergrund nur die Kenntnis der Multiplikation und als physikalischen Hintergrund die Kenntnis der Einheiten für Energie, Masse und Geschwindigkeit.

Aber verstehen wir wirklich, WARUM diese Formel GENAUSO lautet und nicht etwa


Energie = Halbe Masse mal Quadrat der Lichtgeschwindigkeit oder vielleicht

Energie = Absolute Temperatur mal Quadrat der Lichtgeschwindigkeit

?????


Das verstehen wir nicht, und wir verstehen nicht, wie Einstein zu dieser Aussage gekommen ist, die erst Jahre später durch Experimente im Bereich der Atomphysik bestätigt wurde. Der Weg zu dieser Aussage führt nämlich durch äußerst schwierige höhere Mathematik, und um den Weg und somit das Resultat wirklich zu verstehen, muss man diese sich diese höhere Mathematik zu eigen machen können, die Kenntnis der Multiplikation reicht nicht.


Ähnlich ist es nun mit Mahamudra und Dzogchen: Die Aussagen dieser Lehren etwa über die Natur des menschlichen Bewußtseins sind sehr einfach. Aber abgesehen davon, daß intellektuelles Verstehen einer Aussage im Dharma nicht reicht, geht es doch immer um ERFAHRUNG (und zwar eine Erfahrung, die man nicht mehr verliert/vergisst und die zu Fähigkeiten führt, die man vorher nicht hatte), kann das wirkliche Verstehen (bzw. die Erfahrung) dieser Aussagen nur erfolgen, wenn man den WEG in jedem einzelnen Schritt nachvollziehen kann, der zu diesen Aussagen/Erfahrungen führt. Der Vergleich hinkt natürlich in mehrfacher Hinsicht, ich wollte ein Beispiel dafür geben, daß ein sehr komplexer Prozess zu einem einfachen Resultat führen kann, es aber gleichzeitig unmöglich ist, den Prozess selbst einfach zu machen. Die Lehren von Mahamudra und Dzogchen beschreiben das endgültige Resultat des Vajrayana bzw. wenn man so will, das Vorgehen eines Meisters, welcher eben keine Mantras etc. verwendet, in der modernen Magie nennt man das die „Techniken der leeren Hand“. Es ist aber nicht möglich, mit diesen Techniken zu beginnen, etwa weil man sich alles komplizierte, schwierige, anstrengende etc. sparen will.


THEORETISCH kann ein Mahamudra-Meister bzw. Dzogchen-Meister auch blutige Anfänger im Dharma sofort in Mahamudra oder Dzogchen unterweisen, PRAKTISCH wird er das aber nicht tun, oder wenn er es tut, wird es vom Studenten meist missverstanden, was dazu führt, daß der Student ein Problem bekommt, was in weiterer Linie auch dazu führt, daß der Meister ein Problem bekommt. (Das übersehen die Westler immer geflissentlich, daß Geheimhaltung auch eine Überlebensstrategie ist). Es gibt natürlich Meister, die in ihren Ankündigungen gern behaupten, sogleich Dzogchen zu lehren, aber wenn man sich ansieht, was deren Studenten dann wirklich treiben, sieht man, daß sie hauptsächlich Gottheitenyoga üben, und zwar dieses, dann jenes, natürlich auch ein Ngön Dro, alles als Vorbereitung auf Dzogchen. Die tibetischen Meister haben das rasch mitbekommen, daß die Westler nur Dzogchen hören wollen, weil das die höchste Lehre ist. Yeshe Tsogyal, die tibetische Hauptschülerin und Gefährtin von Padmasambhava, wurde von diesem viele Jahre lang in allen Pfaden von Sutra und Tantra geschult, ohne je etwas von Dzogchen zu hören. Als es schließlich doch zur Dzogchen-Übertragung kommt, sagt Padmasambhava zu ihr:

„Wenn du diese Lehren früher erhalten hättest, hättest du nicht die Samen deiner früheren Handlungen gesät, und daher hätten auch nicht die guten Früchte dieser Handlungen geerntet werden können.“ (mit früheren Handlungen sind hier die Übungen des Gottheitenyoga gemeint).

Einige Zeilen später:

„Wenn ich dir diese Lehren so gegeben hätte, wie du vorher gewesen bist, wären bestimmte Segnungen für die fühlenden Wesen nicht entstanden.“

Zitate aus Namkhai Nyingpo: Mother of Knowledge, the Enlightenment of Yeshe Tsogyal (transl. Thartang Tulku, Dharma Publishing)


Das sollte man sich vergegenwärtigen, wenn man in einer Ankündigung das Wort Dzogchen liest,

und womöglich noch etwas von einer Lehre, die nicht nur ohne Anstrengung ist, sondern praktischerweise auch die „höchste“.



Mahamudra


Bedeutung des Wortes: „Großes Symbol“, „Große Haltung“

Urbuddha: Vajradhara, tib. Dorje Chang

Ursprung: Die indischen Mahasiddhas, speziell die 84 Mahasiddhas

Die legendären Lebensgeschichten dieser Siddhas sind eine der wenigen Quellen, die Aufschluss über die Urzeit des tantrischen Buddhismus in Indien geben.

Linien: Diese Siddhas stehen am Anfang der Sakya, Kagyü- und Gelug-Linien. Besonders berühmt ist die „goldene Überlieferung-Linie der Kagyü-Tradition: Vajradhara-Tilopa (um 1000 n.C.) – Naropa – Marpa (1. Tibeter in der Linie) – Milarepa – Gampopa

Inhalt: Mahamudra Lehren sind formlose Meditationsmethoden, in der Praxis muss der Meister allerdings herausfinden, auf welche Weise er den Schüler in die Mahamudra Erfahrung führen kann, das heißt es gibt sehr viele individuelle Instruktionen.

Einweihung: in den neuen Schulen die vierte und letzte Einweihung, bei den Nyingmas die dritte.

Beispieltext:


Tilopas Mahamudra-Unterweisung

Mahamudra ist jenseits aller Worte und Bilder; doch dir, Naropa, dem ernst und eifrig Übenden,

sei dies gesagt:


Die Leere bedarf keiner Stütze, Mahamudra stützt sich auf nichts.

Ohne sich anzustrengen, gelöst und natürlich bleibend,

kann man das Joch zerbrechen und Befreiung erlangen.


Wenn man, in den Raum hinausstarrend nichts sieht, und zugleich

der Geist den Geist erschaut, vergehen alle Unterscheidungen

und Buddhaschaft ist erreicht.


Die Wolken wandern über den Himmel, wurzeln nirgends, haben keine Bleibe;

ebenso die unterscheidenden Gedanken, die über den Geist hinwegziehen.

Sobald der Selbst-Geist erschaut ist, endet alles Unterscheiden.


Im Weltraum entstehen Formen und Farben, aber der Raum ist nicht schwarz, nicht weiß.

Aus dem Selbst-Geist entspringt jedes Ding, doch er selbst bleibt von Tugend und Laster frei.


Die Finsternis der Jahrtausende vermag nicht die strahlende Sonne zu verdunkeln;

Kalpas von Samsara vermögen nicht das Licht des Selbst-Geistes zu mindern.


Werden auch Worte gewählt, Leere zu erklären, Leere selbst kann niemals ausgedrückt werden.

Sagen wir: "Der Geist ist Strahlendes Licht" - er bleibt doch jenseits der Worte und Bilder.

Ist auch der Geist seinem Wesen nach leer, er umschließt und erhält alle Dinge.


Tue nicht mit deinem Körper - entspanne dich; halte den Mund und verharre in Schweigen;

Leere deinen Geist und hafte an nichts.

Gleich einem hohlen Bambus ruhe dein Leib, nicht gebend, nicht nehmend, ruhe dein Geist.

Der an nichts haftende Geist ist Mahamudra. So übend, wirst du allmählich zu Buddha.


Mantra- und Paramita-Übungen, Unterweisungen in Sutren und Geboten,

die Lehren der Schulen und heiligen Schriften bringen dir keine Verwirklichung

er Ungeborenen Wahrheit.

Denn wenn der Geist voll Begehren nach Licht sucht, verdunkelt er es nur.


Wer sich an den Buchstaben der Gebote hält und nicht ablässt zu unterscheiden,

der verrät den Geist der Gebote.

Lassab vom Tun, gib auf das Begehren, Lass die Gedanken kommen und gehen

gleich den Wellen des Meeres.

Wer das Gesetz des Nicht-Verweilens und das Prinzip des Nicht-Unterscheidens

nicht verletzt, lebt nach dem Geist des Gebots.


Wer das Begehren aufgibt, sich an nichts mehr klammert,

der hat den wahren Geist erlangt, von dem die Schriften reden.


Mahamudra brennt alle Übel aus.

Mahamudra befreit vom Kerker der Welt.

Mahamudra ist die Fackel der Lehre.

Die daran zweifeln, sind Narren, ewig sich suhlend in Unglück und Sorge.


Wer Befreiung sucht, der braucht den Meister.

Empfängt dein Geist seinen Segen, ist die Befreiung nahe.


Ach, die Dinge der Welt sind wertlos, sie säen nur Sorgen.

Geringe Lehre leitet zum Tun; du sollst der Großen Lehre des Nicht-Tuns folgen.


Über die Zweiheit hinaus zu sehen, ist die königliche Schau;

das Trennende zu besiegen, ist die königliche Übung;

Die Übung der Nicht-Übung ist die Tat der Buddhas;

wer diesen Weg beschreitet, erlangt die Buddhaschaft.


Vergänglich ist diese Welt; unwirklich wie Trug und Träume.

Verzichte und verlasse das Deine, zerschneide die Fesseln von Gier und Hass,

Meditiere in Wäldern und Bergen.

Wenn du mühelos gelöst verbleibst im 'natürlichen Seinsstand',

wirst du Mahamudra erlangen und das Nicht-Erreichbare erreichen.


Durchschneide die Wurzel des Baumes, und die Blätter werden welken;

Durchschneide die Wurzel des Verstandes, und Samsara-Kreislauf findet ein Ende.


Das Licht einer Lampe verjagt im Nu das Dunkel von Äonen ohne Ende;

Das Licht des Geistes verbrennt wie ein Blitz die Schleier der Verblendung.


Wer an den Verstand sich klammert, sieht nicht die Wahrheit jenseits davon.

Wer die Lehre zu üben gewillt ist, findet die Wahrheit jenseits der Übung nicht.


Um Verstand und Übung zu übersteigen, solltest du die Wurzel des Verstandes durchtrennen

und in reinem und leerem Gewahrsein verharren, Unterscheidungen lassen und in Frieden bleiben.


Ohne zu geben und zu nehmen sollst du unbemüht bleiben,

denn Mahamudra ist jenseits von Annehmen und Ablehnen.


Das Allbewußtsein ist ungeboren; niemand kann es beschmutzen, beflecken.

Im Ungeborenen löst Erscheinung sich auf in die wahre Natur der Dinge:

Ich-Wille und Stolz vergehen in nichts.


Höchstes Verstehen übersteigt das Verstehen,

höchstes Tun fließt aus ewiger Quelle, ohne anzuhaften.

Höchste Vollendung - Innesein zu verwirklichen, ohne Hoffnung daran zu knüpfen.


Am Anfang fühlt der Übende seinen Geist wie einen Wasserfall vorüberstürzen;

In der Mitte des Weges fließt er wie der Ganges ruhig und langsam dahin;

zuletzt ist er ein gewaltiges Meer, in dem die Lichter von Tun

und Sein in eins verschmelzen.




Dzogchen


Bedeutung des Wortes: Große Vollkommenheit

Urbuddha: Samantabhadra, tib. Kuntuzangpo

Ursprung: Es gibt ein buddhistisches und ein Bon-Dzogchen.

Das buddhistische Dzogchen beginnt im Dharmakaya mit Samantabhadra, im Sambhogakaya mit Vajrasattva, im Nirmanakaya mit Garab Dorje, dann Manjusrimitra und andere, schließlich Padmasambhava und die Nyingma-Tradition, systematisiert seit Longchenpa (nach 1300). Es gibt Dzogchenlinien, die nicht über Padmasambhava führen, außerdem haben die drei Klassen von Dzogchen eigene Linien.

Inhalt: Die Dzogchen Praxis hat zwei Teile, Trekchö (t., völlig Abschneiden), Thögal (t., spontane Vision). Der erste Teil beginnt mit der sogenannten „Einführung in die Natur des Geistes“ durch einen Dzogchen-Meister, diese Erfahrung wird dann durch bestimmte Meditationen aufrecht erhalten.

Thögal enthält sehr esoterische Praktiken, etwa Retreats in völliger Finsternis und führt zum „Regenbogenkörper“, wenn ein solcher Praktizierender stirbt, bleibt kein und nur ein sehr reduzierter Körper zurück.

Die Dzogchen Lehren sind in drei (aufeinander folgende) Klassen geteilt:

Semde, Geist-Klasse

Longde, Raum-Klasse

Managde, Klasse der esoterischen Instruktionen

Zu diesen Klassen gibt es eine große Zahl von Kama- und Terma-Linien. Dzogchen ist unabhängig vom System der vier Schulen, wird aber hauptsächlich in Nyingma-Kreisen geübt.

Einweihung: bei den Nyingmas bezieht sich die vierte Einweihung auf Dzogchen, die dritte auf Mahamudra.


Beispieltext: Die sechs Vajra-Verse


„Die vielfältigen Erscheinungen sind ihrer Natur nach nicht-dual,

dennoch ist jede einzelne in ihrem eigenen Zustand, jenseits jeder begrifflichen Erklärung.

Der Zustand >so wie es ist< kann mit Worten nicht erfasst werden,

dennoch, was auch immer erscheint, alles ist gut.

Da alles bereits vollendet ist, lassen wir Krankheit und Anstrengung hinter uns,

und finden uns im spontan vollkommenen Zustand : Das ist Kontemplation.“


Literatur:


Mahamudra:


Chetsang Rinpoche: Mahamudra

Wangchuk Dorje (9. Karmapa): Mahamudra-Ozean

Beides ausgezeichnete Meisterwerke


Keith Dowmann: Die Meister von Mahamudra

Enthält die kommentierten Biografien der 84 Mahasiddhas, in deutsch leider vergriffen, in Englisch erhältlich.


Dzogchen:


Viele Bücher von Namkhai Norbu, vor allem:

„Spiegel des Bewußtseins“, enthält eine hervorragende Darstellung von Rigpa, einem Dzogchen Grundbegriff und einen Kommentar der oben wiedergegebenen „Sechs Vajra-Verse“

„Der Zyklus von Tag und Nacht“

„Dzogchen, der ursprüngliche Zustand“


Dudjom Rinpoche: Die Klausur auf dem Berge (Einführung in die Dzogchen-Praxis, vergriffen)


Dalai Lama: Dzogchen


Gangteng Tulku: Samantabhadra Dzogchen Gebet

(Kommentar zu einem wichtigen Grundtext des Dzogchen)


Keith Dowman: Der Flug des Garuda (kommentierte Übersetzungen von Dzogchen Texten)


James Low: Aus dem Handgepäck eines tibetischen Yogi (kommentierte Übersetzungen von Dzogchen Texten)


James Low: Hier und jetzt Sein, ISBN 3-85466-063-4, Sequoyah-Verlag,

direkt beim Verlag bestellen: info@maitreya.at

Dieses Buch übersetzt und kommentiert einen Dzogchentext von Nuden Dorje. Der Kommentar ist simpel und einfach, kann von kompletten Anfängern verstanden werden und in den Alltag umgesetzt werden. Meiner Meinung das beste deutschsprachige Buch über Dzogchen, welches für Anfänger geeignet ist, aber keines wegs eine oberflächliche Darstellung bringt.


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