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Anuttara Tantra – Teil 2

Vollendungsphase, Chakras und Kanäle, sechs Yogas von Naropa, Körperübungen, Praxis der sexuellen Vereinigung.



Nach der Erzeugungsphase (Kyerim), die im Teil 5 besprochen wurde, kommt die Vollendungsphase, Dzogrim (t). Die erste Phase des Dzogrim besteht aus den Praktiken zur Aktivierung des feinstofflichen Energiesystems, d. h. des Zentralkanals, der Seiten- und Nebenkanäle und der Chakras. Die zweite Phase wird in Teil 7 des Seminars behandelt. Die technischen Bezeichnungen der ersten Phase lauten:

Kanäle = Nadi (s) = Tsa (t)

Winde (Energien) = Prana (s) = Lung (t)

Tropfen (Essenzen) = Bindu (s) = Tigle (t)

Im Sprachgebrauch tibetischer Lamas werden diese Lehren oft unter dem Titel Tsa-Lung-Tigle Lehren zusammengefasst. Jeder tantrische Lehrzyklus (anders ausgedrückt, jedes Gottheitenyoga) enthält eine dazugehörige Tsa-Lung-Tigle Abteilung. Das heißt, es gibt zur Praxis der Vajrayogini eigene Vajrayogini Tsa Lung Tigle Lehren, sowie zur Praxis von Vajrakila und so weiter. Im Nyingma System sind viele dieser Lehren in der Anu-Yoga Abteilung zusammengefasst. Diese Lehren werden immer sehr geheim gehalten, nach mehr als 30 Jahren Vajrayana im Westen gibt es immer noch nur wenig allgemein zugängliche Literatur darüber, auch der Umfang von Übersetzungen, die nur zur internen Verwendung im Sangha dienen, hält sich noch sehr in Grenzen.

Wie gut diese Geheimhaltung funktioniert, sieht man daran, daß schätzungsweise neun von zehn westlichen Übenden des tibetischen Buddhismus glauben, daß tibetischer Buddhismus aus den Rezitationen, Mantras und Visualisationen der Erzeugungsphase besteht. (In typischen tibetischen bzw. Exil-Klöstern ist das nicht anders ...).

Es gibt aber auch praktische Gründe zur Geheimhaltung. Erfolg in den Tsa Lung Tigle Lehren ist nur möglich, wenn in der Erzeugungsphase bereits ein substantieller Fortschritt erzielt wurde. Dieser besteht nicht unbedingt darin (wie man immer wieder hört), daß der Übende in der Lage ist, eine Gottheit mit vier Gesichtern und zwölf Händen mit verschiedenen Attributen klar im Geist zu halten (und womöglich noch ein ganzes Mandala mit duzenden weiteren Gottheiten), sondern darin, daß durch das Üben der Erzeugungsphase vorher nicht vorhandene Fähigkeiten gebildet werden, z. B. daß der Übende furchtlos wird. Üblicherweise ist für ein vorläufiges Resultat in der Erzeugungsphase für Westler mit 40 Stunden Arbeitswoche dazu mehrjährige Praxis notwendig, sowie Einzelretreats von insgesamt mehrwöchiger Dauer. Soweit halten schon viele nicht durch, sehr verbreitet ist es im Westen auch, die Meditationsgottheit immer wieder zu wechseln, statt eine Übung bis zum Resultat zu betreiben.

Wenn man nun Tsa Lung Tigle angeht, so ist ein ernstzunehmendes Resultat nur dann zu erwarten, wenn man dafür ein Einzelretreat macht, mit 1-2 Stunden Praxis täglich kann die Vollendungsphase nicht verwirklicht werden. Praktischerweise sollte schon die Erzeugungsphase dazu führen, daß man nicht nur motiviert ist, in die Vollendungsphase einzutreten, egal welche Schwierigkeiten dort warten, auch die erforderlichen Umstände bezüglich Finanzierung, Familie etc. sollten im Verlauf der Erzeugungsphase eintreffen. Wenn das nicht der Fall ist, will der Übende entweder in Wirklichkeit gar nicht so weit gehen oder praktiziert nicht korrekt. Häufig ist das Vermischen der Praxis mit den sogenannten „acht weltlichen Dharmas“:

Gewinn – Verlust, Freude – Leid, Ruhm – Verleumdung, Lob – Tadel.

Solange die Praxis nicht völlig unbeeinflusst von diesen Faktoren ist, können keine echten Siddhis errungen werden. Wenn man zum Beispiel übt, um später selbst den Lebensunterhalt als Dharmalehrer fristen zu können, ist das ganze Unternehmen von vornherein zum Scheitern verurteilt.

Leider behaupten bestimmte tibetische Traditionen das genaue Gegenteil, nämlich daß man durch Absolvieren eines Dreijahresretreats zum Lama wird. Diese Behauptung dient zur Bildung eines geistlichen Standes, den große und noch weiter expandierende Schulen zur Betreuung ihrer zahlreichen Anhänger benötigen, diese Art der Präsentation des Vajrayana stimmt definitiv nicht mit der Methode der alten Meister, speziell der indischen Mahasiddhas, überein.

Man kann (und soll!) von jedem Dharma-Übenden, der schon deutlich tieferes Verständnis der Lehren erlangt hat, als man selbst, etwas lernen, aber um Befreiung zu erlangen, benötigt man das Vorbild und die Anweisungen eines Meisters, welcher selbst das höchste Resultat erlangt hat.

Ein Resultat in der Vollendungsphase ist nur möglich, wenn die Praxis des Vajrayana zum Mittelpunkt des Lebens geworden ist, ohne jegliche weltliche Hintergedanken erfolgt und auf den unmittelbaren Anweisungen eines erreichbaren Meisters beruht, zu dem ein vollkommenes Vertrauen vorhanden ist, außerdem müssen die Lebensumstände des Übenden die Perspektive zu Einzelretreats von mehr als zweiwöchiger Dauer bieten.

Hohe Anforderungen, umso absurder die zeitgenössische Darbietung des Themas im Westen. Da gibt es in der Eso-Buchhandlung regalmeterweise Literatur über „Chakra-Arbeit“ oder gar das Kundalini-Yoga (schwierig zu meisterndes Hindusystem zur Aktivierung des Zentralkanals) und so weiter, oft mit dem Geheimnis-offenbart-Etikett, zum Teil von unerfahrenen Autoren zur Gänze selbst gestrickt.

Es sei an dieser Stelle deutlich gesagt, daß es nicht nur so gut wie völlig ausgeschlossen ist, aus diesen Büchern Übungen zu ziehen, die zu den Siddhis der Tsa Lung Lehren führen, sondern der Versuch, dieses zu tun, ist ausgesprochen gefährlich, gerade bei den „Naturtalenten“. Mir selbst sind in den Jahren meiner Lehrtätigkeit schon etliche Fälle untergekommen, die sich durch Übungen aus Büchern (oder von inkompetenten Lehrern) in schwere seelische und körperliche Leiden verwickelt haben, zum Teil ohne Chance auf Heilung, da solche Leute oft nicht bereit sind, unter Anleitung eines tatsächlich kompetenten Meisters zu arbeiten.

Ein Fehler, der häufig in der „Chakra-Literatur“ zu finden ist, besteht in der Behauptung, daß die Chakras tatsächlich existente „feinstoffliche Organe“ oder ähnliches sind, und das die Chakras an sich daher bestimmte Farben, Eigenschaften und so weiter besitzen. Das ist nicht der Fall, es handelt sich um Übungen und Methoden, wenn man eine bestimmte Zeit eine bestimmte Sache in einem bestimmten Chakra visualisiert, dann geschehen bestimmte Dinge, übt man nach einem anderen System im gleichen Chakra eine andere Sache, so passieren andere Dinge. Man weiß, was der Magen tut und was das Herz tut, aber Chakras sind nicht so etwas eindeutiges wie Magen und Herz. Das erklärt auch die vielen und teilweise völlig widersprüchlichen Systeme, etwa den Umstand, daß die Hindus meistens mit sieben Chakras arbeiten (zu diesem System gibt es im Westen besonders viel unsinnige Literatur), während die buddhistisch-tantrischen Systeme meistens mit fünf Chakras arbeiten. So gilt das Herzchakra in der westlichen Literatur als Sitz der „Liebe“ (was in den Hindu-Handbüchern NICHT behauptet wird), diese Idee beruht wohl auf einer Verwechslung von Herz mit Herzchakra, vermengt mit den bekannten Christus- und Maria Kitschbildern, wo diese Figuren ein rotes, flammendes Herz zeigen. Bei den Buddhisten gilt das Herzchakra als Sitz des Bewußtseins, des Geistprinzips, als Tor zum Dharmakaya, der nondualen Natur des Geistes, welche alle Phänomene als leer von Eigenexistenz erkennt (woraus das nicht-unterscheidende Mitgefühl kommt, hat schon etwas mit „Liebe“ zu tun, ist aber doch etwas ganz anderes). Ich will damit nicht sagen, daß das buddhistische System WEISS, was im Chakra drinnen steckt, und die anderen es nicht wissen, sondern klar machen, daß es auf die Natur der Übung ankommt, was sich in den Chakras tut, und nur indirekt auf die Natur der Chakras.

Es ist mir schon klar, daß in einem alten Hindu-Standardwerk über Chakras (vgl. die Übersetzungen von Arthur Avalon) steht, daß das Basischakra von gelber Farbe ist, vier Blätter hat und so weiter, aber die Menschen, welche vor vielen Jahrhunderten diese Literatur verfasst haben, wären nie auf die Idee gekommen, daß später aus diesen Büchern von Leuten abgeschrieben wird, die niemals einen Lehrer dieses Systems zu Gesicht bekommen haben, und diese Literatur dann als Grundlage von Eso-Workshops dient!

Grundlegende Polarität im inneren Tantra


Männlich

Weiblich

Vereinigung

Gottheit:

Yab (Vater)

Yum (Mutter)

Yab-Yum

Lehre:

Upaya („geschickte Mittel“)

Prajna (Weisheit/Leerheit)


Tigle:

weißer Tigle im Gehirn

roter Tigle im Nabel

Vereinigung durch Praxis oder im Todeszeitpunkt

Analogien

Mond

wässrig

weißer Samen



Vajra (Lingam)

Sonne

feurig

rotes Mens. blut



Lotos, Padma(Yoni)





Sexuelles Sekret =

Bodhicitta

Kanäle

buddh. Sanskritname

rechter Seitenkanal

Rasana

linker Seitenkanal

Lalana

Zentralkanal

Avadhuti

Drei Wurzeln

Guru

Dakini

Yidam


Die Verwirklichung der Tsa Lung Tigle Lehren wird durch den Khatvanga symbolisiert, den speziellen „Zauberstab“ der tantrischen Gottheiten. Wird dieser von einer männlichen Gottheit getragen, symbolisiert er die weibliche Gefährtin, wird er vorn einer weiblichen Gottheit getragen, symbolisiert er den männlichen Gefährten. Dies ist eine Anspielung auf die Praxis der sexuellen Vereinigung (Karmamudra).

Drei Buddhakörper (Dimensionen) , sechs Zwischenzustände (Bardos):


Dharmakaya

Sambhogakaya

Nirmanakaya

Generelle

Bewußtseinszustände

Klares Urlicht des Todes

Zwischenstadium (zwischen zwei Leben, Bardo)

Empfängnis, Leben

Normales Bewußtsein

Tiefschlaf

Traum

Wachzustand

Drei Bardos des Lebens

Praxis dazu

Meditation

Konzeptloses Samadhi

Traum

Traumyoga

Alltag

Erzeugungsphase

Drei Bardos des Todes

Todesmoment,

klares Urlicht

Erscheinen der friedvollen u. zornvollen Gottheiten

Suche nach Ort für

die Wiedergeburt

Yogas von Naropa

Yoga des klaren Lichts

Yoga des Illusionskörpers,

Traumyoga

Tumo

Karmamudra



Sechs Yogas von Naropa:


Erstens, Tumo, die Praxis des inneren Feuers:


Verschiedene Körperübungen (Trulkhor), Atemübungen, Visualisation der Kanäle, Chakras, Silben.

Eigentliche Tumo Übung: Visualisation des inneren Feuers im Nabelzentrum, angefacht durch Atem-Anhaltungen, züngelt nach oben, schmilzt Tigles im Herz- und Kehlchakra und vor allem in Scheitelchakra, Erfahrung der vier Freuden.

Andere Methode: Karmamudra.

Karmamudra Praxis in strengem Sinn ist nur nach Meisterung der Erzeugungsphase und der Tumo-Praxis möglich, Vorstufe: Geheimes Opfer mit „Anhalten und Umkehr“, d.h. Nutzung der sexuellen Energie als Pfadmittel.


Zweitens, Yoga des Illusionskörpers, die Selbsterscheinung als Gottheit wird stabil und spontan


Drittens, Traumyoga, der Traum wird zur Praxis benutzt


Viertens, Yoga des klaren Lichtes, dies wird geübt, um es im Todeszeitpunkt als solches zu erkennen.


Fünftens, Phowa, die Übertragung des Bewußtseins (im Todeszeitpunkt)



Sechstens, Bardo Yoga, die Ereignisse beim Sterben und danach werden in den Pfad verwandelt:




Literatur:


Tibetisches Totenbuch (verschiedene Ausgaben)


Lama Thubten Yeshe: Inneres Feuer

(beschreibt die Tumo-Übung, oberflächlich und mit Vorsicht zu genießen)


Mullin: Geheimlehren tibetischer Meditation (über die sechs Yogas von Naropa)


Geshe Kelsang Gyatso: Das klare Licht der Glückseligkeit, Tharpa Verlag 2004

(präzises, sehr technisches Werk über die sechs Yogas, der Autor hat nach der Veröffentlichung dieses Werks in den 80ern leider eine sektiererisch-fundamentalistische Richtung eingeschlagen)



Miranda Shaw: Frauen, Tantra und Buddhismus (früher unter dem Titel: Erleuchtung durch Ekstase), untersucht die Stellung der Frau im Vajrayana, ist aber gleichzeitig ziemlich das einzige in deutscher Übersetzung existierende Werk, welches zutreffende Aussagen über die Karmamudra Praxis macht.


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