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Anuttara Tantra – Teil 1

Sichtweise, Gelübde, Erzeugungsphase, System der vier Einweihungen


Stufen des Tantra:

Die „neuen“ Schulen (Kagyu, Sakya, Gelug) unterscheiden vier Klassen von Tantra: Drei Klassen äußeres Tantra und die Anuttara-Tantra-Klasse.

(Anuttara: unübertrefflich, es kommt danach nichts höheres mehr).

Die „alte“ Schule (Nyingma) unterscheidet sechs Klassen von Tantra: Drei Klassen äußeres Tantra und drei Klassen inneres Tantra: Maha-, Anu-, Ati-Yoga. Die letzte dieser drei Klassen, Ati-Yoga (tib. Dzogchen, „große Vollkommenheit“) gehört zu den stufenlosen Wegen und ist von den anderen Klassen nicht abhängig. (vgl. Seminar Teil 7). Maha- und Anu-Yoga sind grob gesprochen mit der Anuttara-Klasse der neuen Schulen übereinstimmend.


Zwei Phasen des Gottheitenyoga:

Erzeugungsphase (tib. Kyerim): Selbsterzeugung als Gottheit durch Visualisation, Mantra, Puja etc.

Vollendungsphase (tib. Dzogrim): Aktivierung des energetischen Innenlebens der Gottheit, d. h. des Zentralkanals, der Seitenkanäle und Chakras (wird in Teil 6 behandelt), sowie die Auflösungsphase.

In Sadhana Texten wird häufig die Auflösung der Visualisation der Gottheit als Dzogrim bezeichnet. Das ist zwar richtig, aber vorher kommt noch die Praxis des feinstofflichen Energiesystems, die in Sadhana-Texten oft nicht enthalten ist. (Da dabei nichts rezitiert wird).


Jede Tantra-Stufe ist definiert durch Sichtweise, Meditation, Verhalten und Resultat.

Auf die entsprechenden Definitionen des äußeren Tantra wird nicht näher eingegangen, die Anuttara-Tantra Klasse wird so definiert:

Sichtweise: Alle Phänomene sind ursprünglich rein

Meditation: Erzeugungs- und Vollendungsphase eines Gottheiten-Mandala (der Anuttara-Klasse)

Verhalten: Das Einhalten der 14 Gelübde des Anuttara Tantra

Resultat: Die Erlangung von Mahamudra (Buddhaschaft in Vajrayana-Terminologie).


Es folgt die Darlegung der Sichtweise.

ACHTUNG, das ist eine äußerst komprimierte Darstellung, wie sie in den klassischen Texten, die oft sehr knapp und technisch klingen, üblich ist. Jeder einzelne Satz muss gründlich kontempliert werden, um zu einem Verständnis vorzudringen, die Erfahrung selbst kann nur durch den Prozess der Einweihung und nachfolgender langjähriger Praxis erlangt werden:


Da alle Phänomene leer von unabhängiger Eigenexistenz sind, sind sie auch „ursprünglich rein“.

Das bedeutet, daß es keine Phänomene gibt, die an sich rein oder unrein sind. Rein und unrein sind Konditionierungen des menschlichen Geistes, die wie ALLE dualistischen Konditionierungen durch Übung aufgehoben werden müssen, um die Buddhanatur zu erfahren, was in diesem Zusammenhang als Mahamudra bezeichnet wird.

Wenn man eine Einweihung in ein Anuttara-Tantra nimmt, gilt folgende Sichtweise, das wird als die „Fünf hervorragenden Punkte“ bezeichnet:

Der Meister ist völlig ident mit der Gottheit, d.h. der Sambhogakaya-Form des Buddha, in welche die Einweihung gegeben wird.

Die Studentinnen sind ebenso Gottheiten des Mandala.

Die Lehre ist das Anuttara Tantra.

Der Ort ist ein Buddhabereich.

Die Zeit ist aufgehoben.


Nach der Einweihung identifiziert der Schüler sich aber durch fortlaufende Übung mit der Gottheit, das heißt dann:

ICH bin der Buddha (genauer, statt mir erscheint der Buddha)

ALLE fühlenden Wesen sind Dakas und Dakinis (erleuchtete Wesen)

Die Praxis ist das Anuttara-Tantra, d.h. was immer erscheint ist ursprünglich rein.

Die reale Welt rundherum ist ein reines Buddhaland.

Die Zeit ist aufgehoben, d. h. es gibt keine gute und keine schlechte Zeit, alles ist immer rein.



Das liest sich alles einfach, ist aber eine revolutionäre Angelegenheit. Die abendländische Theologie und wesentliche Teile der darauf fußenden Philosophie sind durch und durch dualistisch. Es gibt Gottnähe und Gottferne, wohlgefällige Wesen und verstoßene. Die monotheistischen Religionen schwindeln sich einfach über die Absurdität hinweg, daß der Teufel auch nur ein Geschöpf Gottes ist, somit alle Abscheulichkeiten z. B. des 20. Jahrhunderts Gottes Werk. Weiteres fußen fast sämtliche indischen religiösen und esoterischen Systeme auf Ideen von rein und unrein.

Das gilt auch für mehr als neunzig Prozent der praktizierenden Buddhisten.

Um ein typisches Beispiel zu nennen: Vielerorts gilt das Essen von Fleisch als nicht vereinbar mit spiritueller Reinheit. Bitte greift im Regal Esoterik, Yoga etc. einer beliebigen Buchhandlung wahllos nach irgendwelchen Bänden, ihr werdet auf abertausenden Seiten Darlegungen finden, was rein und was unrein ist. Besonders schlimm die Channeling-Literatur, die aufgestiegenen Meister etc., alles gepackt voll mit rein/unrein. (Dazu passt, daß diese Literatur ständig von einer besseren Zeit redet, die zumindest für die entsprechend Gläubigen schon angebrochen ist).


Folgerungen:

Da alles ursprünglich rein ist, werden in der Anuttara-Tantra-Symbolik zahlreiche Dinge verwendet,

die anderswo als unrein gelten:

Statt nett schmeckender und riechender Opfergaben solche mit abstoßend empfundenen Substanzen. Fleisch und Alkohol als Samaya-Substanzen, d.h. als notwendiges Ingredienz der Riten. (vergleiche die fünf Bestandteile des Hindu Tantra). Idealort der Praxis: Die Leichenstätte

(wer in Indien mit Leichen zu tun hat, gilt als unrein).

Insbesonders, und hier liegt ein sehr bedeutender Schritt: Auch die fünf Geistesgifte, Ich-Anhaftung, Hass, Gier, Stolz, Eifersucht, sind ursprünglich rein und können in der Praxis verwendet werden.

Darin liegt auch die große Gefahr des Anuttara-Tantra: Das falsche Verständnis, daß alle bisherigen Konzepte und Gewohnheitstendenzen beibehalten werden können, weil sie ja schließlich rein sind.

Das entspricht dem Extrem der nihilistischen Position, der wir schon im Mahayana begegnet sind. Das es so nicht gemeint ist, vermitteln auch die 14 Gelübde des Anuttara Tantra


Anuttara-Tantra ist eine ERFAHRUNG, und diese Erfahrung kann nur durch Einweihung und langjährige Praxis unter Aufsicht eines kompetenten Meisters gewonnen werden.





Die fünf Ebenen der Praxis:


Körper: Der Körper wird durch traditionell durch Asana und Mudra geschult, in Wirklichkeit ist ein vieldimensionales Training erforderlich, um den Vajra-Körper zu gewinnen, was vor allem in den Klostertraditionen sträflich vernachlässigt wird.


Rede: Dazu gehören nicht nur Mantras und Rezitationen, die Rede muss stets sinnvoll sein. Auch die Übungen zum feinstofflichen Energiesystem gehören hierher.


Geist: Der Geist muss stets in der korrekten Sichtweise weilen bzw. entsprechend geschult werden, die tiefsten Bedeutungsebenen der Praxis müssen erschlossen werden. Hat man etwas verstanden, wendet man sich den noch nicht verstandenen Bereichen zu.


Qualität: Man sammelt Verdienst durch karmisch heilsame Taten


Aktivität: Hierher gehören magische Handlungen wie Opfergaben, Tormas etc., sowie der Bereich der tantrischen Gelübde (Samaya)



Das System der vier Einweihungen:


Vaseneinweihung: befähigt zur Verwirklichung des Buddha-Körpers und des Nirmanakaya, mit dem Kyerim verbunden


Geheime Einweihung: befähigt zur Verwirklichung der Buddha-Rede und des Sambhogakaya, mit dem Dzogrim verbunden (Tumo-Praxis)


Weisheits-Bewusstheits-Einweihung: befähigt zur Verwirklichung des Buddha-Geistes und des Dharmakaya, ebenso mit dem Dzogrim verbunden (Karmamudra-Praxis)


4.Einweihung, auch „Kostbare Wort-Einweihung“ genannt: befähigt zur Verwirklichung des Svabhavikakaya, formlos, Mahamudra oder Dzogchen je nach System.


Die drei Wurzeln, die tantrischen Zufluchtsobjekte:


Der Guru gibt die Lehren.

Der Yidam gibt die Siddhis.

Die Dakini gibt die günstigen Umstände.



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