Der Vajrayana Stufenweg

  Vier Mahasiddhas


Der Weg von der Zufluchtnahme zu den Lehren bis zur Erlangung der Buddhaschaft führt über eine Anzahl von Stufen. Eine einfache Teilung ist in Sutra (Hinayana, Mahayana), äußeres Tantra, inneres Tantra und "Stufenlose Wege", die theoretisch gleich am Anfang beschritten werden können. Die sogenannte Sichtweise, das Verständnis der äußeren und inneren Phänomene entsprechend dem jeweiligen Dharma, ist in allen Vajrayana Schulen auf der gleichen Stufe das gleiche. Das ist nicht weiter erstaunlich, es ist genauso wie bei einem weltlichen Schulsystem, jeder der z. B. die Reifeprüfung bestanden hat, sollte (wenigstens vom Lehrplan her) mit jedem anderen vergleichbare Kenntnisse haben. Auch diese Tatsache wird in sektiererischen Linien ungern zugegeben, man manchmal tut so, wie als wären die Unterschiede so groß wie zwischen einem deutschen Gymnasium und einer islamischen Koranschule, also ganz unterschiedliche Ziele und Inhalte. Das Gegenteil ist der Fall. Auf der Sutra Ebene lehren alle tibetischen Traditionen (inklusive der nicht-buddhistischen Bon-Tradition!) exakt die gleiche Sichtweise und die gleiche Methodik, die zu dieser Sichtweise führt. So wie in der Grundschule die Kulturfähigkeiten von Lesen, Schreiben und Rechnen erlernt werden, so befasst sich die Basis aller Dharma-Praktiken mit Ethik, Meditation und Sichtweise des Mahayana, genauer der Synthese zwischen Cittamatra und Madhaymika.

Im äußeren Tantra ist die Sichtweise in allen tibetischen Linien wieder die gleiche, auch bezüglich der einzelnen Praktiken gibt es nur wenig Unterschiede. Das hat auch historische Gründe, die tibetischen Schulen schöpfen bezüglich des äußeren Tantra im Großen und Ganzen aus den gleichen überlieferten Texten.

Im inneren Tantra gibt es sehr viele Gemeinsamkeiten zwischen den Praktiken der Sakya-, Kagyü- und Gelug-Linien, das innere Tantra heißt dort Anuttara-Tantra, die Nyingma Schule teilt das innere Tantra in drei Klassen (Maha-, Anu- und Ati-Yoga), zumindest von den ersten zwei dieser drei kann gesagt werden, das es bezüglich der Sichtweise keine wesentlichen Unterschiede zum Anuttara-Tantra gibt.

Die dritte dieser Klassen, Ati-Yoga, im Westen mehr bekannt unter dem Begriff Dzogchen, stellt eine völlig eigenständige stufenlose Lehre dar (in der es aber trotzdem eine bestimmte Abfolge gibt). Dzogchen ist zwar in der Nyingma-Tradition sehr wichtig, hängt aber von ihr nicht ab, und wurde etwa vom dritten Karmapa und vom fünften Dalai Lama als deren eigentlicher Praxismittelpunkt gesehen.

Zu diesen Stufen noch einige weitere Bemerkungen:

Sutra

Die Praxis besteht aus den sogenannten zwei Ansammlungen: Den Pfad der Ansammlung von Verdienst, man könnte auch sagen, die Entwicklung des relativen Erleuchtungsgeistes durch verschiedene formale Meditationen und Praktiken des Verhaltens, und den Pfad der Ansammlung von Weisheit, gleichbedeutend mit dem absoluten Erleuchtungsgeist: Das Einüben und ständige Aufrechterhalten der Sichtweise, dass alle Phänomene LEER von unabhängiger Eigenexistenz sind - inklusive unserer schönen spirituellen Praxis!

Dieses Paradox, einerseits alle Wesen vom Leid befreien zu wollen, andererseits zu wissen, dass es so etwas wie unabhängig eigenexistente Wesen gar nicht gibt, wird uns im Vajrayana wieder begegnen: Dort herrscht immer das Gleichgewicht von Methode und Weisheit: Methode, symbolisiert durch den Vajra, steht für die spezifischen Methoden des Vajrayana wie Visualisation, Mantra, Ritual und so weiter. Weisheit, symbolisiert durch die Glocke, steht wieder für die Erkenntnis der Leerheit. Ist der Methodenaspekt zu stark betont, kommt es zum Glauben an die zahlreichen Gottheiten des Vajrayana als unabhängig eigenexistente Wesen, was zahlreiche weitere Fehler nach sich zieht. Ist der Weisheitsaspekt zu stark betont, kommt es zu einer abschätzigen Betrachtungsweise aller Bemühungen, durch verschiedene Übungen Verwirklichung zu erreichen.

Ansammlung von Verdienst

  • die vier göttlichen Verweilungszustände (Liebe, Mitgefühl, Mitfreude, Gleichmut).
  • die vier Gedanken, die den Geist dem Dharma zuwenden (Kostbarkeit der menschlichen Geburt, Tod und Vergänglichkeit, Karma, Nachteile des Daseinskreislaufs).
  • die Bodhisattva Gelübde und spezielle Übungen des Bodhisattva-Weges.
  • die sechs bzw. zehn transzendenten Tugenden der Bodhisattvas und die entsprechenden Stufen (bhumis) des Bodhisattva-Weges.

Ansammlung von Weisheit

Dharma-Studium bedeutet nicht die Anhäufung von intellektuellem Wissen (und schon gar nicht bloßes auswendig lernen), sondern wird immer in Zusammenhang mit meditativer Praxis betrieben. Die höchste Verwirklichung im Mahayana-Buddhismus ist genau dieselbe wie im Vajrayana, nämlich die Erlangung des „unübertreffbaren vollkommenen Erwachens“ (anuttara samyak sambodhi), unterschiedlich sind nur die Methoden, dieses Ziel zu erreichen. Der Sutra-Buddhismus kennt fünf aufeinander folgende, immer weiter fortgeschrittene Sichtweisen:
  • Ich-Losigkeit (entspricht dem Hinayana)
  • Cittamatra „("Nur Geist", damit beginnt das Mahayana), auch Yogachara genannt.
  • Svatantrika-Madhyamika und
  • Prasangika-Madhyamika (beide beruhen auf den Prajna-Paramita-Sutras)
  • Yogachara-Madhyamika: dieses stellt eine Synthese der zwei Hauptströmungen des Mahayana, Cittamatra und Madhyamika, dar.
Die zuletzt erwähnte Sichtweise ist das Fundament aller tantrischen Praktiken, wie zum Beispiel Gottheitenyoga, also das Visualisieren von männlichen und weiblichen Erscheinungsformen von Buddhas, Rezitieren von Mantras und so weiter. Leider hat sich im Westen die Tendenz gebildet, unbeachtet der Qualifikation der Übenden Einweihungen in die höheren Tantras zu geben. Wenn die entsprechende Praxis dann ohnehin nicht geübt wird, macht das nichts, wenn sie aber geübt wird, ohne das die dahinter liegende „Philosophie“ (es ist eben keine Philosophie, sondern eine Erfahrung) verstanden wird, dann führt die Übung entweder zu keinem Ergebnis oder zu völlig abwegigen "Resultaten" etwa der Identifikation des Ego mit der Meditationsgottheit. Noch bedauerlicher ist es, dass viele Westler das überhaupt nicht hören wollen, für sie genügt ein mehr gefühlsmäßiges Erlebnis ("Der Segen des Lama“..."), man trifft sogar immer wieder auf Leute, die hochnäsig auf alle herabblicken, welche die Lehren korrekt studieren. Weit verbreitet ist auch die falsche Ansicht, dass durch das Rezitieren von Ritualen und Mantras und Visualisieren von Gottheiten sich die Einsichten in die Bedeutung von Leerheit ohnehin von selbst einstellen werden. So läuft das im allgemeinen NICHT. Jeder Lama hat die Lehren zumindest soweit studiert, dass er die erwähnten Sichtweisen verstanden und ERFAHREN hat, erst dann wird man etwa in einem Kloster zu den höheren tantrischen Einweihungen zugelassen.

Kurs Stufenweg 1: Hinayana
Kurs Stufenweg 2: Mahayana


Äußeres Tantra

 21 Taras

Das äußere Tantra ist in allen Schulen des tibetischen Buddhismus in drei Stufen geteilt, deren Bezeichnungen differieren manchmal ein wenig: Kriya-Tantra, Carya-Tantra (oder Upaya -Tantra) und Yoga-Tantra. (nicht zu verwechseln mit dem Anuttara-Yoga-Tantra, welches zum inneren Tantra gehört). Diese Lehren haben sich historisch gesehen hintereinander entwickelt, eine Entwicklung, die mit dem Anuttara-Tantra zu einem großartigen Abschluss kam.

Kriya -Yoga taucht auch im Zusammenhang mit Hindu-Yoga-Praktiken auf und bedeutet dort etwas ganz anders. Im Zusammenhang mit Vajrayana handelt es sich um die erste Form des Gottheitenyoga: Eine Gottheit verehren durch Gebet, Lobpreis, Mantra-Rezitation und vor allem durch rituelle Handlungen wie dem Darbringen von Opfergaben, dem Einhalten von Reinigungsvorschriften, etwa dem Verzicht auf gewisse Nahrungsmittel und ähnliches mehr. Im Indien der Zeit vor der Entstehung des Vajrayana gab es eine Unzahl von religiösen Praktiken, die dem Vorgehen im Kriya-Tantra sehr ähneln, aber auf Gottheiten wie Brahma, Shiva oder Kali gerichtet waren. Die zutiefst menschliche Emotion, sich durch Dienst an einer Gottheit, deren Schutz, Beistand oder spezielle Fähigkeiten zu versichern (wie z.B. das Heilen), wurde von den buddhistischen Meistern in die Dharma-Praxis integriert, indem diese Art der religiösen Devotion auf den Buddha und die transzendenten Bodhisattvas gerichtet wurde. Nach Meinung der Buddhisten kann die Verehrung von Shiva nicht zur Befreiung aus dem Kreislauf des Leidens führen (weil Shiva selbst ein Teil dieses Kreislaufs ist!). Im Sinn der Anwendung der "geschickten Mittel" (Upaya Paramita) ist jedoch die Haltung des Verehrens eines höheren Wesens sehr wohl ein (vorläufiges) Mittel, um zu höherer Einsicht, sittlicher Reinheit und Vervollkommnung zu gelangen. Da die Erlangung der Buddhaschaft im Mahayana zwar immer Fernziel bleibt, aber als äußerst schwierig zu erreichen gilt, wurden dem entsprechend die Bodhisattvas nicht nur zu wesentlichen Mittlergestalten, sondern auch zu bevorzugten Objekten der Verehrung im Kriya-Tantra. So entstehen vor allem zu den drei großen männlichen Bodhisattvas, Manjusri, Avalokitesvara und Vajrapani sowie zum wichtigsten weiblichen Bodhisattva, Tara, eine große Zahl von Praxistexten, die sich äußerlich-strukturell nur wenig von religiösen Übungen unterscheiden, die sich auf Hindugottheiten wie z. B. Ganesha beziehen. Die Sichtweise ist allerdings ein ganz andere, sie kann nur von den Sichtweisen des Mahayana-Buddhismus ausgehend entwickelt werden.

Das Kriya-Tantra ist immer dualistisch, hier ist die Gottheit, dort die Übende, es gibt zwar eine Kommunikation zwischen beiden, letztlich ist aber alles von der Gnade der Gottheit abhängig. Auch in den Übungen des inneren Tantra finden sich noch Spuren von Kriya-Tantra, so etwa in den Erläuterungen zur Gestaltung von Altären, Anzahl, Platzierung und Weihe von Opergaben und ähnliches mehr, vom Blickpunkt des inneren Tantra aus bilden diese Dinge aber nicht viel mehr als ein Ornament, welches aus Respekt vor der Überlieferungslinie und aus Gründen der Rück-Verbindung aber meistens produziert wird.

Das Carya-Tantra unterscheidet sich von der vorhergehenden Stufe nur durch ein etwas höheres Maß der Identifikation mit der Gottheit, besonders auf dem Gebiet der so genannten magischen Anwendungen, in der nächsten Stufe, dem Yoga-Tantra kommt es bereits zu einer gewissen Aktivierung des feinstofflichen Energiesystems der Gottheit, einhergehend mit einem noch höherem Maß der Identifikation.

Weil im gesamten äußeren Tantra immer ein Rest von dualistischer Unterscheidung bleibt, sagen manche Kommentatoren, dass es mit den Mitteln des äußeren Tantra nicht möglich ist, Buddhaschaft zu erlangen, andere wiederum meinen, dass es zwar möglich ist, aber etliche Inkarnationen beansprucht. Diese Standpunkte sind nicht notwendigerweise widersprüchlich, kann doch nach einigen Leben als Kriya-Tantra-Übender genug Verdienst angesammelt sein, um dann in einem einzigen Leben - freilich mit den Mitteln des Anuttara-Tantra -die völlige Befreiung, die Buddhaschaft, zu erlangen.

Kurs Stufenweg 3: Äußeres Tantra


Inneres Tantra

Zur ersten Orientierung zu diesem Thema verweise ich auf die Einleitung des Teils Anuttara Tantra auf dieser Website.

Ebenso beleuchten einige Texte Themen aus dem inneren Tantra, vor allem "Sexuelle Praxis im buddhistischen Tantra" und "Dem Reinen ist alles rein"

Eine etwas ausführlichere allgemeine Darstellung der zwei Phasen des Anuttara-Tantra bringt Kurs Stufenweg 4: Anuttara-Tantra, Erzeugungsphase, Gelübde und
Kurs Stufenweg 5: Anuttara-Tantra, Vollendungsphase, Chakras und Kanäle


Stufenlose Wege

Eine grundsätzliche Bemerkung: Stufenlose Wege können von geeigneten Lehrern an geeignete Schüler SOFORT übermittelt werden, also eben ohne irgendwelche zuvor zu durchlaufenden Stufen. Der erste Haken dabei ist aber, dass es unter den Linienhaltern des tantrischen Buddhismus nur sehr, sehr wenige gibt, die das wirklich können (bzw. wollen!). Der zweite Haken: Es gibt auch kaum geeignete Schüler, weder im Westen, noch in Asien! Im Gegensatz zu den Asiaten, die hier einen gewissen natürlichen Respekt besitzen, haben Westler allerdings noch ein kleines Problem: Wenn sie in einem Dzogchen Text etwa lesen: "Diese Praxis, die höchste und geheimste von allen, ist nur für die hervorragend begabten Schüler geeignet ... usw.", denken viele, dass sie damit gemeint sind. Ich schreibe das ein wenig ironisch, wenn man aber in einem buddhistischen Zentrum ständig von Leuten, die man noch nie vorher gesehen hat, nach wenigen Minuten nach solchen Lehren gefragt wird, nur weil der Fragesteller irgendwo etwas von den höchsten Lehren gelesen hat, dann findet man es eigentlich nicht so witzig. In der Praxis muss unsereiner, leider eben minder begabt, ein paar Jährchen in der Mühle der Stufenwege verbringen, bevor wir Belehrungen über Mahamudra oder Dzogchen nicht nur hören, sondern auch tatsächlich verwirklichen können.
Nach Absolvierung vorbereitender Stufen können Pfade gezeigt werden, die auf keinerlei Stufen beruhen, das ist paradox, aber so ist es eben.

Kurs Stufenweg 6: Stufenlose Wege