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Schulen und ÜberlieferungslinienFür viel Verwirrung bei Studentinnen des Vajrayana sorgt die Vielzahl der existierenden Schulen und Überlieferungen. Diese Verwirrung wird leider noch durch diverse Werbe-Behauptungen von manchen Schulen verstärkt (bzw. deren westlichen Organisations-personen, die oft herzlich wenig von der Sache verstehen). So hört und liest man immer wieder von der Überlegenheit einer bestimmten Vajrayana-Lehre über andere Vajrayana-Lehren. Das ist schon deswegen Unsinn, weil die Lehre erst zusammen mit einer bestimmten Schülerin, die sie übt, ihre Wirkung zeitigt. Was aber für jede einzelne Studentin die angemessene Lehre ist, hängt von vielen individuellen Faktoren statt, eine an sich überlegene Lehre gibt es nicht und kann es nicht geben. Wenn man für bestimmte Lehren noch nicht reif ist, zum Beispiel für die stufenlosen Wege von Mahamudra und Dzogchen (siehe hier), dann nutzt einem die Überlegenheit dieser Lehren gar nichts. Ebenso nutzt der besonders hohe erhabene Lama nichts, wenn man nicht in der Lage ist, dessen Anweisungen wirklich umzusetzten. Jeder Flyer, jede Website, welche die Überlegenheit einer bestimmten Vajra-Dharma-Tradition über andere Vajra-Dharma-Traditionen behauptet oder die Überlegenheit eines bestimmten Lamas über andere, ist von Leuten verfasst, die entweder ohnehin keine Ahnung haben, oder die bewusst (und schlimmstenfalls vom entsprechenden Lama angeleitet) sektiererische Positionen vertreten. Das gilt natürlich auch für Behauptungen dieser Art:"Phowa ist der schnellste Erleuchtungsweg für die Faulen" (Fleißige sind scheinbar die Dummen?) "Kalachakra führt schneller zur Buddhaschaft als andere Anuttara-Tantras" (Wieso ist es dann viel komplizierter und zeitaufwendiger als die anderen?) "Lama XY legt die Lehren in ihrer ursprünglichen Reinheit auf völlig klare Weise dar" (Die anderen Lamas haben unreine Lehren und legen unklar dar?) Und so weiter und so fort, dieses Werbegetöse auf dem spirituellen Supermarkt sollte als solches erkannt werden. Ich erinnere an die unangenehme Botschaft, dass es so etwas wie eine leichte schnelle schmerzlose Verwirklichung der buddhistischen Lehren nicht gibt und nicht geben kann. ![]() Die Geschichte des Vajrayana beginnt mit den indischen Mahasiddhas, ca. 500 bis 1000 u. Z.. Die Mahasiddhas haben die buddhistischen Tantras entwickelt, verwirklicht und an üblicherweise sehr wenige Schülerinnen weitergegeben. Die Ursprünge der Tantras sind rätselhaft und legendär, was die Texte über ihr eigens Herkommen sagen, ist in keinem Fall historisch verifizierbar. Die Mahasiddhas selbst stellen in ihren Namen, Daten, den mit ihnen verbunden Lehren und den verschiedenen Versionen ihrer Biografien viele ungeklärte Rätsel dar, mit deren Klärung im Sinne wissenschaftlicher Ansprüche nicht zu rechnen ist. Eine solche Klärung scheitert schon daran, dass die Übermittlung von jedem einzelnen buddhistischen Tantra zunächst ausschließlich mündlich erfolgte, bis es nach mehreren Schüler-Lehrer-Generationen zu schriftlichen Niederlegungen, den sogenannten Wurzel-Tantras, gekommen ist. Liest man ein typisches Wurzeltantra, z. B. das in englischer Übersetzung existierende Hevajra-Tantra, so hat man den Eindruck, daß es sich um ungeordnete Sammlungen von verschiedenen Texten und Erläuterungen handelt und nicht um ein Werk, welches aus einer Hand in einer kurzen Zeit entstanden ist, d. h. hinter jedem heute vorliegenden Wurzeltantra steckt eine längere Geschichte, die sich vor dem Zeitpunkt ereignet hat, zu welchem der Text in der uns bekannten Form entstanden ist. Über die Mahasiddhas gibt hier einen enführenden Text. Jede Praxis eines buddhistischen Tantra hat eine Überlieferungslinie, die fast immer mit einem indischen Mahasiddha beginnt. Dann geht die Linie weiter, manchmal über mehrere weitere indische Meister, bis sie dann zu den Gründern der verschiedenen tibetischen Schulen kommt. Von dort geht sie über viele Tibeter (und Meister aus Ladakh, Sikhim, Nepal, Bhutan, etc.) bis zu dem Meister, von dem wir selbst die Einweihung in das Tantra erhalten, mittlerweile gibt es auch europäische und amerikanische Linienhalter, wie man das nennt. Natürlich werden die Überlieferungen in solch einem Ablauf immer wieder verändert und modifiziert. Die Gottheit Yamantaka zum Beispiel hat in der Linie des Siddha Lalitavajra ein anderes Aussehen als in der Vision des Ra Lotsawa, von vielen Tantras gibt es verschiedene Versionen und verschiedene Überlieferungslinien. Die häufig genannten vier Hauptschulen des tibetischen Buddhismus (Nyingma, Sakya, Kagyü und Gelug) sind nichts anders als definierte SAMMLUNGEN von solchen Überlieferungslinien. Auch aus diesem Grund sind die Unterschiede zwischen den Schulen sehr gering, da zum Beispiel die Hevajra-Praxis der Sakya-, Kagyü- und Gelug-Tradition letztlich auf ein und demselben Hevajra-Wurzeltantra beruht. Kein einziger von den Mahasiddhas hat selbst eine Schule gegründet, diese Gründungen erfolgten ausnahmslos erst in der tibetischen Phase des Vajrayana, und es fällt auf, daß in allen so begründeten Schulen (mit Ausnahme der Nyingma Tradition) bezüglich Einfluss und Zahl Mönche eindeutig im Vordergrund stehen, im Gegensatz zu den Yogis und Yoginis mit Familie und Beruf. Schulgründungen haben immer etwas damit zu tun, dass für die Klöster systematisierte Lehrprogramme erstellt werden mussten. Da Mönche den ganzen Tag Zeit zum Üben haben, sind diese Lehrprogramme oft von enormen Umfang. Nonnen gab es in der tibetischen Kultur immer viel weniger als Mönche, sie wurden gegenüber den Mönchen stark benachteiligt. Ein typischer Mahasiddha praktizierte EIN Tantra und verwirklichte es. In den tibetischen Schulen gehören ein Dutzend und mehr Tantras zum Lehrprogramm, die entsprechenden Gottheiten sind dann alle auf dem Zufluchtsbaum der Schule abgebildet. Natürlich kann kein Mensch mit Beruf und Familie all das praktizieren, daher ist es auch nicht sehr sinnvoll für den typischen Westler, der nicht in ein Kloster geht, von sich als einer bestimmten Schule zugehörig zu denken. Das würde nämlich die praktische Bearbeitung des gesamten Schatzes von Lehren der jeweiligen Schule bedeuten! Von Atisha, einem indischen Meister, der sich lange in Tibet aufgehalten hat, ist folgender berühmter Ausspruch überliefert: "Die indischen Meister übten ein Tantra und verwirklichten alle, die tibetischen Meister üben alle Tantras und verwirklichen keines." Atisha lehrte um 1000 u. Z., also bestand dieses Problem schon vor tausend Jahren. Merkwürdigerweise stellt es auch für viele Westler ein Problem dar, die viele Jahre lang von Praxis zu Praxis wandern (manchmal innerhalb einer Schule, jede verfügt über eine Menge Praktiken, manchmal in mehreren Schulen), nie aber bei einer Praxis so lange bleiben, bis sie tatsächlich verwirklicht ist. Aus diesen Bemerkungen sollte klar sein, daß die Behauptung der Überlegenheit einer Schule über eine andere eigentlich nie aus praktischer Erfahrung erfolgt, kaum ein Westler hat sich mit mehr als zehn Prozent des Lehrangebotes einer bestimmten tibetischen Schule praktisch befasst, von Verwirklichung ganz zu schweigen. Nun zu den Schulen im Einzelnen. Im Westen ist mittlerweile sehr bekannt die Aufzählung der vier tibetischen Schulen: Nyingma, Sakya, Kagyü und Gelug (in der Reihenfolge des Entstehens). Dazu kommt noch die Bon-Tradition, die vom gegenwärtigen Dalai Lama als fünfte tibetische Dharmatradition anerkannt wurde (Dazu mehr weiter unten). Grundsätzlich unterscheidet man zwischen den alten und neuen Übersetzungen. Die alten Übersetzungen stammen aus der Zeit, in welcher (der Inder) Padmasambhava die Tantras nach Tibet brachte, 8. Jahrhundert. Nyingma, die von späteren Linienhaltern Padmasambhavas gegründete erste tibetische Schule des tantrischen Buddhismus, heißt einfach "die alten" (Übersetzungen). Später gingen tibetische Meister nach Indien, um von dort die Lehren zu holen. (9. bis 11. Jahrhundert). Diese Übersetzungen werden Sarma, "die neuen" genannt, sie fließen in die drei anderen Schulen ein: Sakya, Kagyü und Gelug. Die Unterscheidung in vier Schulen ist zu ungenau und gibt die eigentlichen Verhältnisse nicht wirklich wieder. Daher will ich im folgenden die von den tibetischen "Rime" -Meistern des 19. Jahrhunderts (zu diesem Begriff siehe: Was ist Rime?) entwickelte Aufzählung bringen und kurz erläutern. Diese erwähnt acht tibetische Dharma Fahrzeuge. Auf Namen und Daten verzichte ich weitgehend, das kann man alles in der Literatur nachlesen bzw. im Web recherchieren, es geht hier nur darum, eine einigermaßen zutreffende Vorstellung von den Inhalten dieser Schulen zu entwickeln. Alle Linien beginnen immer ihren Ausbildungsgang mit dem Sutra-Buddhismus, die Mahayana Lehren bilden die gemeinsame Grundlage sämtlicher Vajrayana-Lehren, bei den Inhalten wird im folgenden das Mahayana nicht erwähnt, sondern nur die Titel der besonders wichtigen Tantra-Lehrzyklen, die in diesen Schulen gelehrt werden. ![]() Acht große Linien der VerwirklichungNyingma pa(Das pa in diesen Bezeichnungen steht für die Schulangehörigen, ein Nyingmapa ist eine Praktizierender der Nyingma Tradition). Geht auf Padmasambhava zurück, wurde aber erst Jahrhunderte nach ihm als Schule kodifiziert. Kennt nicht nur die übliche Mund-zu-Ohr Übertragung, sondern auch die Übertragung durch Termas (t., Schätze) daß sind von Padmasambhava und seinen Schülern (namentlich seiner Gefährtin Yeshe Tsogyal) versteckte Texte, die oft erst Jahrhunderte später gefunden wurden. Mit Kama (t.) wird die normale Art der Übertragung bezeichnet, der Kanon der Kama-Überlieferung heißt Nyingma Gyud Bum, ca. 50 Bände. Jedes einzelne Terma enthält einige wenige oder bis zu 50 Bände, hat einen eigen Zufluchtsbaum und eine eigene Überlieferungslinie. Dementsprechend gibt es an die 100 verschiedene Unterschulen der Nyingma Tradition, viele praktisch ausgestorben, viele nur aus wenigen Linienhaltern bestehend, etwa zehn dieser Terma-Traditionen sind in Nyingma Kreisen allgemein bekannt und werden im Westen praktiziert, einige davon (Dudjom Tersar, Chökling Tersar) stammen aus dem 19. Jahrhundert(!).Inhalte: System der neun Fahrzeuge, davon die letzten drei als inneres Tantra bezeichnet: Maha- und Anu-Yoga (entsprechen Teil 5 und 6 dieses Kurses), Ati Yoga (= Dzogchen, siehe Teil 7). Gottheiten Yoga: Mandalas der acht Herukas (tib. Kagye, darunter besonders wesentlich Vajrakila), Mandalas der Erscheinungsformen von Padmasambhava, dazu ein weiters riesiges System namens Gongdu, über dieses ist im Westen noch fast nichts bekannt geworden. Dzogchen: Geistklasse, Raumklasse, Klasse der esoterischen Instruktionen. Dzogchen ist eigentlich ein unabhängiges Lehrsystem, wird aber hauptsächlich in der Nyingma-Tradition geübt. Kadam pa (später = Gelug)Gegründet von Dromton, dem Hauptschüler von Atisha. Auf strenges Einhalten der Mönchsdisziplin bedacht, akzeptiert nur Tantras, von denen ein Sanskrit-Text vorliegt (was bei vielen Nyingma Lehren nicht der Fall ist, dies erscheinen oft erstmalig in tibetischer Sprache). Die Schule geht später in die von Tsongkapa gegründete Gelug Schule über. Bekanntester Exponent der Dalai Lama, welcher NICHT das Oberhaupt der Gelug Schule ist (wie beinahe immer behauptet wird), er ist auch nicht Oberhaupt aller tibetischen Schulen (der gegenwärtige Dalai Lama wird aber von allen Schulen als großer Meister anerkannt, das beruht aber auf der Person des Dalai Lama und nicht dem Status des Amtes Dalai Lama). Inhalte: Lehrzyklen der Mutter-Tantras Chakrasamvara, Hevajra, Vajrayogini und der Vater-Tantras Guhyasamaja und Yamantaka, Mahamudra-Lehren."Pfad und Frucht" (später Sakya pa)Geht auf den Mahasiddha Virupa zurück, von dessen Hauptschüler stammt der namensgebende Text ("Pfad und Frucht"), dieser bringt eine Systematik von den Basis-Übungen über Erzeugungs- und Vollendungsphase des Gottheitenyoga bis zu Mahamudra. Versucht ebenso wie die Kadampa Linie die Sanskrit-Tantras in ursprünglicher Form zu bewahren. Inhalte: Haupt-Yidam Hevajra, viel geübt werden Chakrasamvara, Vajrayogini und Yamantaka.Marpa Kagyü pa (später 4 große und 8 kleine Kagyü Schulen)Geht auf den Mahasiddha Tilopa und dessen Hauptschüler Naropa zurück, Marpa Lotsawa ist ein Tibeter, der nach Indien geht und als Schüler von Naropa viele Texte ins Tibetische übersetzt. Der Hauptschüler von Marpa war Milarepa, von diesem der Hauptschüler Gampopa, dieser hatte vier Hauptschüler, einer davon der 1. Karmapa Dusum Khyenpa, ein anderer Phagmodrukpa, dessen acht Schüler die acht kleinen Kagyü Linien gründen, von den drei noch heute existieren: Drikung-, Drukpa- und Talung-Kagyü. Gampopa vereinigt in sich die von Tilopa ausgehende Siddha-Linie und die Kadampa Linie, wodurch es zu einer sehr monastischen Ausprägung mancher Kagyü-Linien, speziell der Karma-Kagyü, kommt. Inhalte: Haupt-Yidam Chakrasamvara, viel geübt werden Hevajra, Vajrayogini, Tara, Chenresig, besonderer Schwerpunkt auf Guru Yoga (Milarepa, Karmapa) und Mahamudra.Shangpa KagyüWenig bekannte, aber sehr bedeutende Schule mit wenigen Linienhaltern, begründet von Khyungpo Naljor, einem Schüler von Niguma (der Gefährtin von Naropa!). Inhalte: Sechs Yogas von Niguma, fünf Tantras: Chakrasamvara, Mahamaya, Hevajra, Guhyasamaja, Yamantaka, die rote und weiße Khecari, die Dakini Kurukulla. Besondere Betonung auf Traumyoga und der Vollendungsphase generell. Im 20. Jahrhundert: Kalu RinpocheVajra Yoga (= Kalachakra, später Jonang pa Tradition)Die Lehren des Kalachakra Tantra bilden in Wirklichkeit den hauptsächlichen Lehrbestand einer kleinen Schule mit wenigen Linienhaltern, der Jonang Tradition. Heute noch existent, eigenes Oberhaupt. Kalachakra wird auch anderswo geübt, namentlich bei den Gelugs, aber die hohe Komplexität der Kalachakra-Lehren füllt ohne weiters eine ganze Schule. Hat früher oft ein 12jähriges, Kalachakra gewidmetes Retreat verlangt."Beruhigung und Abschneiden" (Zhi-byed und Chöd)Begründet von der Tibeterin Machig Labdrön, geht auf den indischen Siddha Padampa Sangye zurück. Chöd ist eine sehr spezielle Praxis, eine Art rituelles Selbstopfer, kein Gottheitenyoga im üblichen Sinn. Keine organisierte Schule, Chöd wird in allen anderen Schulen nebenbei geübt, aber es gibt Chöd-Spezialisten, oft dauernd herum wandernd, keine Klöster.Orgyen paGegründet von Orgyenpa, einem Tibeter , der nach Uddiyana (tib. Orgyen) ging, dem Herkunftsland von Padmasambhava, und dort von Vajrayogini initiiert wurde. Inhalt: Vajrayogini, wenig bekannt.Zu diesen acht Linien sollte man als neunte noch das Yungdrug Bon (Ewiges Bon) dazu zählen. Es gibt verschiedene Arten von Bon, das ursprüngliche Bon, ein tibetischer schamanischer Kult, wird heutzutage nicht mehr praktiziert. Das Yungdrug Bon gleicht in vielen Inhalten der Vajrayana Praxis, es gibt eine völlig eigenständige sehr komplexe Gottheiten-Ikonografie und entsprechende Praktiken mit Erzeugungs- und Vollendungsphase, den Höhepunkt bildet wiederum Dzogchen, welches sich inhaltlich kaum vom buddhistischen Dzogchen unterscheidet, der Unterschied ist hauptsächlich in der Überlieferungslinie. Das Yungdrug Bon kennt genauso wie das Nyingma System neun Fahrzeuge, es gibt noch viele weitere Ähnlichkeiten zwischen diesen Traditionen. |
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