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Die Bedeutung des Wortes Rime
Rime, gesprochen Ri Me, ist ein tibetisches Wort und steht für nicht-sektiererisch. Was bedeutet das? Echtes, ursprüngliches Vajrayana funktioniert so: Ein Schüler sucht einen Meister auf (bzw. Schülerin/Meisterin), bittet um Einweihung und Instruktion, verwirklicht dann die Lehren, und wird vom Meister schließlich als Meister anerkannt. Auf diese Weise bildet sich eine sogenannte Übertragungslinie, im Kontext von Vajrayana häufig als "Linie" bezeichnet. Jede Praxis, die es im Vajrayana gibt, hat eine solche Linie vorzuweisen. Wenn wir zum Beispiel eine Tara-Einweihung von Lama XY erhalten, so hat dieser dieselbe Einweihung von einem seiner Meister erhalten, dieser wiederum von seinem Meister und so weiter. Die Anfänge fast aller heute geübten Vajrayana-Linien liegen bei indischen Meistern, die etwa zwischen dem 5. und 10. Jahrhundert unserer Zeitrechnung gelebt haben. Betrachtet man die Vajrayana-Tantras, also alle Praktiken, die zur Verwirklichung der Buddhaschaft in einem Leben führen können, so gibt es unter diesen Lehren selbstverständlich keine, die sich bezüglich des Ziels von einer anderen unterscheiden würde. Alle Vajrayana-Tantras führen zum gleichen Ziel: Der Erlangung der Buddhaschaft zum Wohle der fühlenden Wesen Daraus resultiert natürlich, dass keine von diesen Lehren einer anderen überlegen ist, weiters ist es im Prinzip möglich, zwei oder mehrere solcher Lehren parallel oder hintereinander zu üben, die Biografien der alten Meister geben dazu unzählige Beispiele. Im Zuge der Institutionalisierung der Lehren in Tibet kam es zur Bildung sogenannter Schulen, die nichts anders darstellen, als umfangreiche Sammlungen von verschiedenen Übertragungslinien. Am bekanntesten sind die vier großen tibetischen Schulen: Nyingma, Sakya, Kagyü und Gelug, es gibt aber davon viele Verzweigungen und weitere unabhängige Schulen. Die Bon-Schule ist zwar nicht buddhistisch, ähnelt aber derart stark der Vajrayana Methodik, dass sie vom derzeitigen Dalai Lama als fünfte tibetische Dharma-Tradition anerkannt wurde. Man muss sich darüber im klaren sein, dass diese Schulen viele Linien gemeinsam haben. Zum Beispiel, die Lehren des Vajrakila-Zyklus wurden zunächst in der Nyingma Schule sehr häufig praktiziert, in späteren Jahrhunderten sind diese Lehren nur mit unwesentlichen Änderungen in die Sakya, Kagyü- und Gelug Schule eingesickert, d. h. alle heutigen Vajrakila-Praktiken, egal von welchem Lama man sie hat, stammen aus der gleichen Quelle. Es ist schon wahr, dass jede Schule auch Lehrzyklen vermittelt, die sozusagen exklusiv nur in einer bestimmten Schule gelehrt werden. Aber erstens ist der Anteil von Lehren, die mit andern Schulen geteilt werden, sehr groß, und zweitens kann aus der Tatsache, dass eine Schule exklusiv über eine bestimmte Lehre verfügt, aufgrund des vorher gesagten natürlich keinerlei Überlegenheit dieser Schule über eine andere postuliert werden. Aus diesem Grund ist es in den tantrischen Gelübden, welche für alle Praktizierenden höherer Tantras gelten, ausdrücklich untersagt, die eigene Linie über andere Linien zu stellen. Leider gerieten diese Tatsachen im Lauf der Jahrhunderte in Tibet sehr in Vergessenheit, was auch mit der unseligen Verquickung weltlicher Macht (über Politik, Wirtschaft, Bildung) der hohen tibetischen Lamas mit der spirituellen Macht zu tun hatte. Es kam zu vielerlei kleinen und manchmal auch größeren Kämpfen zwischen einzelnen spirituellen Zentren, die Praxis degenerierte sehr stark, die dementsprechend interessierten Kreise setzen die Meinung durch, dass man sich unter Ausschluss anderer Schulen eben zu einer bestimmten Schule bekennen müsse, bzw. dass die Inhalte der einzelnen Schulen nicht gleichzeitig geübt werden können. Das führte zu vielen Absurditäten. Der fünfte Dalai Lama, einer der größten Vajra-Meister, die Tibet jemals hervorbrachte und wie alle Dalai Lamas ein Angehöriger der Gelug Schule, wurde von vielen hohen Gelug Lamas heftig kritisiert, weil seine persönliche Praxis zu einem beträchtlichen Teil aus Lehren der Nyingma Schule bestand! Solche Dinge ließen sich sehr viele erzählen, für die Entwicklung der Lehren war das um sich greifende Sektierertum eine substantielle Bedrohung geworden. Im 19. Jahrhundert traten dann einige große Meister auf, auf welche die Rime-Bewegung zurück geht, das ist die nicht-sektiererische Art, mit den Lehren umzugehen. Diese Meister, die berühmtesten unter ihnen waren Jamyang Khyentse Wangpo und Jamgon Kongtrul, suchten systematisch die Meister aller existenten Linien auf, sammelten Einweihungen und Instruktionen in unglaublich hoher Anzahl, editierten Textsammlungen der verschiedenen Schulen und bewahrten auf diese Weise auch viele kleine, nur wenig praktizierte, aber wertvolle Linien vor dem Aussterben. Auch im 20. Jahrhundert gab es viele bedeutende Rime-Meister, einer der großartigsten unter ihnen war wohl Dilgo Khyentse Rinpoche, eine verehrungswürdige Inkarnation des unermesslichen nicht-unterscheidenden Mitgefühls. Dilgo Khyenste Rinpoche
Die Schulzugehörigkeit läßt sich ikonografisch oft an den Hüten der Meister erkennen. Rime Meister pflegten, wenn sie in einem Gelug-Kloster eine Einweihung oder Erklärungen gaben, dies in reinem Gelug-Stil zu tun, dabei trugen sie eventuell einen Gelug Hut, waren sie in bei den Sakyas, gaben sie Erklärungen im Sakya-Stil und trugen einen Sakya Hut. Die Hüte der fünf tibetischen Dharmatraditionen sind oben auf dieser Seite abgebildet. Wir haben im Deutschen den Ausdruck "verschiedene Dinge unter einen Hut bringen", dazu waren die Rime-Meister auf außergewöhnliche Weise in der Lage. Es muss nicht jeder Meister ein Rime-Meister sein, aber wenn ein Lama vom Thron herunter lehrt, dass es nicht möglich sei, verschiedene Linien zu mischen, dann lügt er. Und wenn er behauptet, dass seine Linie reiner, höher, besser als eine andere wäre, oder schneller zu Resultaten führt, dann lügt er nicht nur, sondern verletzt die tantrischen Gelübde. Rime im WestenLeider ist die Wichtigkeit der Rime-Einstellung im Westen keineswegs ausreichend bekannt. Besonders bedauerlich ist es, dass einige im Westen auftretende Meister darauf achten, dass ihre Schüler nicht zu anderen Meistern hingehen, manche argumentieren sogar, dass das "Mischen" verschiedener Linien zur Verwirrung führe. Wäre das wahr, dann wäre etwa der heutige Dalai Lama, welcher die Rime-Haltung sehr betont, ziemlich verwirrt. Es ist schon richtig, man soll sich - eventuell nach einer Phase der Orientierung - für eine bestimmte Lehre bzw. einen bestimmten Meister entscheiden, sonst wird man im Vajrayana keine Verwirklichung erzielen. Aber diese Entscheidung sollte nicht dazu führen, dass man meint, eine Lehre zu üben, die anderen Vajrayana-Lehren anderer Schulen und Linien überlegen ist. Auch die ständige Betonung der exklusiven Lehren, die es nur in der eigenen Linie gibt, ist sehr schlecht, man sollte vielmehr die Gemeinsamkeiten betonen.Es gibt eine ganz große Gemeinsamkeit, welche alle Vajrayana-Linien miteinander teilen: Die geistige Grundlage des Vajrayana, das Mahayana. Wer noch nicht wirklich verstanden hat, was mit Leerheit gemeint ist, sich aber bereits als Angehöriger einer bestimmten tibetischen Schule bezeichnet, macht mit Sicherheit etwas falsch. Es gibt grundsätzlich keine Mahayana-Lehre, die exklusives Lehrgut einer bestimmten tibetischen Schule ist. Mehr über die grundsätzlichen Probleme der Übertragung des Vajrayana im Westen. |
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