DIE TRADITION DER BYANGTERODER NÖRDLICHEN SCHÄTZE
Als im achten Jahrhundert der Herrscher und große buddhistische Schutzherr Tibets Trisong Deutsan (Khri Srong lDe'u bTsan) Botschafter mit Opfergaben von Goldstaub nach Indien schickte, um Padmasambhava einzuladen, bei der Gründung des Klosters Samyae (bSam Yas) Hilfe zu leisten, war einer der Botschafter sein eigener Onkel und enger Gefährte Nanam Dorje Dudjom (sNa Nam rDo rJe bDud 'Joms). Nach seiner Ankunft in Tibet gab Padmasambhava Nanam Dorje Dudjom, der während der Zeit seiner intensiven Lehrtätigkeit einer seiner fünf engsten Schüler war, eine große Zahl von Unterweisungen. Diesen magisch-religiösen Anweisungen wird nachgesagt, daß sie von lebenswichtiger Bedeutung für den Schutz der Nachkommen des Königs Trisong Deutsan seien, und sie wurden sorgfältig Nanam Dorje Dudjom anvertraut, bevor sie in den Bergen als Schätze verborgen wurden, um in der Zukunft zum Nutzen Tibets im allgemeinen und dem Wohlergehen der königlichen Linie im besonderen enthüllt zu werden. Im Jahr 1337, am zehnten Tag des ersten Monats des Feuerochsenjahres wurde Nanam Dorje Dudjom in Nyan Yul (gNyan Yul) als der Schatzenthüller Ngoedrub Gyaltsen (dNgos Grub rGyal mTshan) wiedergeboren. An seinem Körper waren viele glücksverheißende Zeichen zu sehen. Sein Vater war Lopon Dudul (sLop dPon bDud 'Dul), ein tantrischer Yogin mit Erfahrung in der Praxis des Vajrakila. Unter dessen Führung studierte der junge Ngoedrub Gyaltsen diese Lehren zusammen mit denen des Mahayala und Matara und so weiter. Man sagt, er habe den Samadhi des Vajrakila im Alter von acht Jahren vollendet. Nach dem Tod seines Vaters wurde er von seiner Mutter unterrichtet. Als er gerade elf Jahre alt war erschienen drei federartige Gewächse auf seinem Kopf und als er dreiundzwanzig war, waren es fünf. Weil diese Gewächse wie die Federn eines Geiers aussahen, wurde er berühmt als Goekyi Demthruchen (rGod Kyi lDem 'Phru Can), "der mit den Geierfedern". Diese außergewöhnlichen Zeichen waren in den Prophezeiungen vorhergesagt worden und wurden als Kennzeichen eines wirklich besonderen Wesens angesehen. Er wurde auch als Mahavidyadhara (Rigdzin Chenpo (Rig 'Dzin Chen Po)) bekannt, und dieser Titel wurde seither von jeder seiner nachfolgenden Inkarnationen getragen. Im Jahr 1364 entnahm ein Lama namens Zangpo Dragpa (bZang Po Grags Pa) der Erde eine Anzahl von Schatztexten, darunter acht, die auf die verborgenen Schätze von Zangzang Lhadrag (Zang Zang Lha Brag) nahe Rigdzin Godems (Rig 'Dzin rGod lDem's) Geburtsort bezogen sind. Er vertraute diese Texte dem Vinayameister Sonam Wangchug (bSod Nams dBang Phyug) und zwei Begleitern an, die sie einem "Yogin, der eine Statue oder eine Mala in seiner Hand trägt" aushändigen sollten, dem sie östlich des Zangzang Berges begegnen würden. Ungefähr eine Woche später, als die drei Reisenden ihre Mahlzeit am Ufer eines Flusses in der Nähe des Draglung (Brag Lung) Klosters im nördlichen Yaeru (gYas Ru) einnahmen, traf Godemchen (rGod lDem Can) aus Namolung (sNa Mo Lung) kommend dort ein, der in seinen Händen ein Messingbildnis Vajrakilas und eine Mala trug. Als sie miteinander sprachen, fanden sie alle Erfordernisse der Prophezeiung erfüllt, erkannten ihn als denjenigen, den sie gesucht hatten und händigten ihm alle Schatzrollen und einen versiegelten Brief mit Glückwünschen aus. Bei seiner Rückkehr in Namolung, sah Rigdzin Godem, daß die Zeit gekommen war, den Schlüssel zu den Schätzen zu entnehmen. So entnahm Godemchen einem Platz nahe drei stehenden Steinen unterhalb des Gipfels des Riwo Trabzang (Ri Bo bKra bZang) das nächste Glied in der Kette der Nördlichen Schätze in Form von sieben Papierrollen. Um die Entnahme dieser Rollen auszugleichen, verbarg Rigdzin Godem einen anderen Schatz an ihrer Stelle. Während der Neujahrsfeierlichkeiten des folgenden Jahres wuchs dort spontan ein Baum, von dem angenommen wird, daß er bis heute existiert.
Zwei Monate später, am vierten Tag des Schafmonats 1366 führte Rigdzin Godem seine Anhänger hinauf in 'die Berge, die wie ein Haufen giftiger Schlangen aussehen'. Die Luft war voller Regenbögen, als Rigdzin Godem seine Schüler zur Südwestseite des Berges führte, wo der Himmel rubinrot in der Pracht der untergehenden Sonne glühte. Sie kletterten zu einer Höhle hinauf und Godemchen ging hinein und begann zu beten. Als der Himmel dunkel wurde, begann die Felsenhöhle zu zittern und zu schwanken als Zeichen der Ankunft des Meisters der Schätze. Sie zündeten einige Butterlampen an und konnten am Felsen klar das Bild eines Visvavajra erkennen. Als der Guru unterhalb dieser Markierung mit seiner Papierrolle drückte, schien sich dort der Felsen wie eine Tür zu einer dreieckigen Kammer zu öffnen, in der sie eine blaue Schlange fanden, so dick wie der Arm eines Mannes. Sie lag zu einer Spirale aufgerollt mit dem Gesicht nach Südosten auf einer quadratischen blauen Steinplatte, und in ihrer Spirale verborgen lag eine kastanienbraune Lederschatulle, das fünffache Behältnis der Nördlichen Schätze. Aus dem mittleren Fach von tiefrotem Leder nahm Rigdzin Godem den Kunzang Gongpa Zangthal (Kun bZang dGongs Pa Zang Thal) Zyklus in vier Bänden, der später zu einer der berühmtesten und am meisten verehrten Darstellungen der Atiyoga Lehren Tibets wurde. Aus dieser Abteilung entnahm er auch die Belehrungen Lama Rigdzin Dungdrub (bLa Ma Rig 'Dzin gDung sGrub) und andere auf 'die drei Wurzeln' der tantrischen Praxis (Guru, Deva und Dakini) bezogene Texte, zusammen mit Atiyoga Texten über Vajrakila und drei in kastanienbraune Seide gewickelte Kila, dreißig in blaue Seide gewickelte Papierrollen und andere heilige Gegenstände. Das vordere (östliche) Fach war mit weißer Trompetenschnecke gestaltet und enthielt sowohl Texte des Gyu Drae La Dogpa (rGyu 'Bras La lDog Pa) Zyklus (Ursache und Wirkung beenden) als auch Belehrungen über die Ähnlichkeit des erwachten Geistes mit dem Himmel (Gongpa Namkhai Dang Nyampai Choe (dGongs Pa nam mKha' Dang mNyam Pa'i Chos)) und die Tantras des Kadag Rang Jung Rang Shar (Ka Dag Rang Byung Rang Shar) Zyklus, die natürliche Gegenwart und das Erscheinen ursprünglicher Reinheit betreffend. Die goldene südliche Kammer der Truhe enthielt Lehren über die vierfache Praxis der Gottheiten-Anrufung (Nyen Drub Nampa Zhi Choe (sNyen sGrub rNam Pa bZhi?i Chos)) und die Texte Sang Drub Guru Dragpo Tsal (gSang sGrub Gu Ru Drag Po Tsal) und Kabgyad Dragpo Rang Jung Rang Shar (bKa? brGyad Drag Po Rang Byung Rang Shar). Diese wichtigen rituellen Zyklen wurden berühmt "wie die Sonne und der Mond" wegen dem Glanz und der Klarheit des Geistes derer, die sie praktizierten. Ebenfalls in dieser Kammer wurden Texte bezüglich Vajrakila in seiner Form als Mahottarakila mit neun Gesichtern und achtzehn Händen gefunden. Aus dem westlichen Fach aus rotem Kupfer, entnahm Rigdzin Godem die Texte Tendrel Khyadpar Chen (rTen 'Brel Khyad Par Can) und Chi Drub Drowa Kundrol (Phyi sGrub 'Gro Ba Kun Grol), die einen Teil des Tendrel Choe Dun (rTen 'Brel Chos bDun) Zyklus bilden. Er entnahm auch das Tsenden Gyi Dongbu Tabui Choe (Tsan Dan Gyi sDong Bu lTa Bu'i Chos) und einen Band, in dem die Tamdrin Dregpa Wang Dud (rTa mGrin Dregs Pa dBang sDud), die Khordae Wang Dud ('Khor 'Das dBang sDud') und die Lha Chen (Lha Chen) Lehren gefunden wurden sowie einen weiteren Band, der die Jangchub Sempai Choe Wang (Byang Chub Sems dPa?i sPyod dBang) enthielt. In dem schwarzen nördlichen Fach aus Eisen wurden die gewalttätigsten aller zornvollen rituellen Texte gefunden. Sowohl viele Vajrakilabelehrungen wurden dieser Kammer der Kiste entnommen als auch das Dra Geg Thal War Logpai Choe (dGra bGegsThal Bar rLog Pa'i Chos), ein Text, von dem man sagt, er sei so schädlich wie der Stengel einer giftigen Pflanze. Acht Abhandlungen über die Zusammensetzung ritueller Medizin wurden dort gefunden zusammen mit weiteren Kommentaren (upadesa) und Anweisungen über die Herstellung von "Fadenkreuzen" (Doe (mDos)), aber nicht alle dieser Texte wurden transkribiert und verbreitet. Nachdem er diese fünf Schätze der Lehren entdeckt hatte, teilte Rigdzin Godem jeden dieser Bereiche in einhundertundeins Abschnitte ein. Er gab ihnen eine klare Ordnung und lehrte die darin enthaltenen Doktrinen seinen ausgewählten Schülern. Diese Lehren, die Jangter (Byang gTer) oder Nördlichen Schätze wurden durch drei Linien übermittelt, die als die Mutter-, Sohn- und Schülerlinien bekannt sind. Die nachfolgenden Halter dieser Lehren sind berühmt dafür, viele höhere und gewöhnliche Siddhis erlangt zu haben. Die dritte Inkarnation von Goekyi Demthruchen (Ngag Gi Wangpo (Ngag Gi dBang Po), 1580-1639) gründete das Dorje Drag (rDo rJe Brag) Kloster, das der Hauptstudienort für die Linie der Nördlichen Schätze war. Es ist eines der wichtigsten Nyingmapa (rNying Ma Pa) Klöster in Tibet. Der gegenwärtige Abt ist Thubten Jigmed Namdrol Gyamtso (Thub bsTan 'Jig Med rNam Grol rGya mTsho), die zehnte Inkarnation des Terton (gTer sTon), 1936 in Lhasa geboren. Trotz der Überwältigung Tibets durch die kommunistischen Chinesen blieb er in Tibet und war kürzlich aktiv bei dem Wiederaufbau seines Klosters, das während der 'Kulturrevolution' fast vollständig zerstört worden war. Es gibt auch ein Dorje Drag Kloster in Simla, Himachal Pradesh, Indien. aus: Der Kult der Gottheit Vajrakila, Tring, 1993 von, deutsche Übersetzung von Hilke Zimmermann und Andreas Ruft mit Erlaubnis der Quelle: khordong.de
|