Lama oder Nicht-Lama, das ist hier die Frage


Jede Beobachterin des Geschehens in Kreisen des tibetischen Buddhismus im Westen konnte in den letzten Jahren einige sehr heftig geführte Diskussionen wahrnehmen: Den Karmapa-Streit, den Dorje Shugden Kult sowie etliche Diskussionen um im Wortsinn „umstrittene“ Lehrer wie Ngakpa Chögyam, Lama Surya Das, Ole Nydahl und andere. Für Leute die Zen oder Theravada praktizieren, sind viele dieser Fälle nicht nur unverständlich bis lächerlich, sondern einfach abstoßend. Der Karmapa-Streit hat es schon mehrmals bis in die Tagespresse geschafft, was das nicht-buddhistische Publikum in der weit verbreiteten Ansicht bestätigt, dass der ganze tibetische Buddhismus nichts anderes als eine verrückte bis gefährliche Sekte darstellt. Ist das Streiten um die Frage, wer tibetischen Buddhismus korrekt und berechtigterweise lehrt und wer nicht, systemimmanent und daher nicht zu vermeiden? Die Antwort: Im Westen leider ja.
Das hat einen einfachen Grund: Ein großer Prozentsatz der Westler, die sich vom tibetischen Buddhismus angezogen fühlen, ist erstaunlich autoritätshörig bzw. -gläubig. Angesichts der katholischen Kirche kommen heutzutage höchstens noch fünf Prozent der Gläubigen auf die Idee, dass die Spitzen der geistlichen Hierarchie, etwa der Papst und die Kardinäle, aufgrund göttlichen Ratschlusses gleichzeitig diejenigen sind, welche die Lehren des Christentums am tiefsten verwirklicht haben. Den meisten Katholiken (den Nicht-Katholiken sowieso) würde so eine Idee lächerlich, dumm und rückständig erscheinen. Der so genannte tibetische Buddhismus (in Wirklichkeit müsste man tantrischer Buddhismus sagen) ist von den im Westen gängigen buddhistischen Formen dem Katholizismus äußerlich am meisten ähnlich: Es gibt eine bunte, prächtige Ritualistik, es gibt Meister in schönen Gewändern mit hohen bunten Mützen, es gibt eine Hierarchie, welche bestimmt, was wahre Lehre ist und was nicht. Die Ähnlichkeit ist rein äußerlich, in Wirklichkeit sind die nicht dualen Lehren der höheren Tantras und des Dsog Chen nicht mit christlicher, schon gar nicht mit katholischer Sichtweise in Einklang zu bringen. Viele Anhänger des tibetischen Buddhismus wollen das nicht wahrhaben, dazu kommt noch, dass die überwiegende Mehrzahl dieser Anhänger keine höheren Tantras übt. Wie auch immer: Die Idee, dass ein Mitglied der geistlichen Hierarchie des tibetischen Buddhismus (sei es jemand mit einer „Lehrberechtigung“, ein Lama oder gar das Oberhaupt einer Schule) automatisch die Lehren verwirklicht hat, ist falsch.

Tibeter und andere Menschen aus dem ursprünglichen Kulturraum des tantrischen Buddhismus haben hierfür ein feines Sensorium (und geschichtliche Erfahrung). Sie verhalten sich gegenüber ihren Lamas zwar sehr devot, sie wissen aber ganz genau, dass eine Funktion in der Hierarchie nicht notwendigerweise mit einer Erleuchtungserfahrung welcher Tiefe auch immer verbunden sein muss. Sie wissen es genauso, wie wir in Europa wissen, dass Päpste, Bischöfe und Priester im allgemeinen keine Heiligen sind. Natürlich ist der prozentuelle Anteil der verwirklichten Meister in der tibetischen Hierarchie viel höher als der Anteil der Heiligen unter katholischen Geistlichen, weil der Aufstieg in der Hierarchie nicht nur mit einer äußerst intensiven, ständig beaufsichtigten meditativen, ethischen und rituellen Schulung einhergehen sollte, sondern auch mit zweifelsfrei vorweisbaren Resultaten dieser Schulung: der Verwirklichung von Siddhis, den höheren Bewusstseinskräften. Der Anteil ist auf jeden Fall mit Sicherheit nicht 100 Prozent Meister in der Hierarchie, er liegt - je nach dem wie streng der Maßstab genommen wird, was Verwirklichung eigentlich ist - zwischen 50 und maximal 90 Prozent. Es fällt auf, dass ausnahmlos alle aktuell umstrittenen Meister ihre Anhänger zum überwiegenden Teil im Westen rekrutieren. Dazu kommt noch, dass es mittlerweile im Westen einige Lehrer gibt, die in Wirklichkeit keine oder eine sehr mangelhafte Ausbildung haben, aber erfolgreich behaupten, dass sie sie von Lama Soundso die Berechtigung haben sich Lama nennen zu dürfen oder sonstwie lehren dürfen. Theoretisch ist die Ernennung zum „Linienhalter“, der Berechtigung, die Lehren einer Schule vollständig weiterzugeben, inklusive der Berechtigung, Einweihungen zu geben, eine öffentliche Angelegenheit vor vielen Zeugen. Aber nach dem Prinzip "Frechheit siegt" behaupten einige, dass derartiges stattgefunden hätte, etwa am Totenbett des Guru, obwohl es gar nicht stimmt. Einige wiederum haben wirklich eine Berechtigung, sind aber trotzdem nicht ausreichend verwirklicht! Besonders verdächtig ist es, wenn ein Meister auf seiner Homepage oder anderswo einen Brief oder ähnliches vorweist, um eine Lehrberechtigung zu zeigen. Wirkliche Meister haben solche „Beweise“ nicht notwendig, die Verwirklichung kann nicht mit einem Diplom wie bei einem abgeschlossenem Studium nachgewiesen werden.

Die Verwirrung würde sofort aufhören, wenn westliche Schüler jeden tantrischen Meister nicht nach seinem Titel oder Status in der Hierarchie beurteilen würden, sondern einzig danach, was er tut, was er kann, ob er in Übereinstimmung mit den Lehren lebt und handelt. Letzteres erfordert eine gute Kenntnis der Quellen, die aber mit Hilfe vieler guter Übersetzungen zentraler Texte mit entsprechender Bemühung möglich ist. Für diese Berurteilung ist es irrelevant, ob es sich um einen Tibeter oder Westler handelt, von wem die Lehrberechtigung oder Lamaernennung stammt, ganz besonders irrelevant sind frühere Inkarnationen bzw. die Anerkennung der selbigen durch wen auch immer. Außerdem ist zu bedenken, das ein tantrischer Meister in der Verkleidung als völlig unbedeutende Person außerhalb jeder Hierarchie auftreten kann, ohne Hut, Gewand, Titel, Thron, Lehrberechtigung usw., außerdem gibt es in Asien und im Westen auch weibliche Meister. Weiters sollte klar sein, dass es verschiedene Abstufungen der Verwirklichung gibt, für den Anfang reicht jemand, der so weit ist, dass er einem selber weiterhelfen kann ohne Vereinahmung für eine bestimmte Tradition. Es ist nicht möglich, sich in diesen Verhältnissen zurechtzufinden, indem man einfach den Ankündigungen von Veranstaltungen und den Internetauftritten diverser Meister Glauben schenkt. Ohne eigenes Urteil wird man entweder enttäuschende Erfahrungen machen oder sich einreden, dass alles in Ordnung ist, obwohl man gerade Geld, Zeit und Lebenskraft an einen Scharlatan mit "tibetanischem“" Geklingel abgegeben hat. Die immer wieder zu hörende Behauptung, dass es nicht möglich sei, die Verwirklichung eines Meisters zu prüfen, ist eine Lüge, wiederholt von Leuten, die beschlossen haben, etwas zu glauben, was sie nicht wissen.