Dem Reinen ist alles rein


Assoziationen zum Wort Tantra

Tantra, wörtlich von weben, Gewebe, ist der Oberbegriff für aus Indien stammende Geheimlehren, die ausschließlich mündlich und persönlich von Meisterin zu Schülerin weitergegeben werden. Hat die Schülerin die Lehren verwirklicht, kann die Meisterin der Schülerin die Ermächtigung zur Weitergabe der Lehren erteilen. So bilden sich Jahrhunderte lange Folgen von Praktizierenden, diese werden Übertragungslinien genannt.
In der Folge wird weder das dem buddhistischen sehr ähnliche Hindu-Tantra noch das im Westen weit verbreitete erotisch-therapeutische Tantra dargestellt.

Buddhismus kann grundsätzlich in zwei Grundströmungen gesehen werden, die nach den Quellen Sutra und Tantra heißen. Sutra sind die Lehren der Buddhas, die im Hinayana und Mahayana zum Nutzen aller Wesen völlig offen dargestellt werden, die geheimgehaltenen Tantras hingegen sind auf eine relativ kleine Gruppe von Wesen beschränkt, die nur mit Hilfe dieser Lehren zur Befreiung gelangen können. Verständnis der Sutras ist eine Voraussetzung zur Praxis der Tantras.

Die Tantras beginnen mit den Lehren der indischen Mahasiddhas (Saraha, Tilopa, Virupa, Padmasambhava), darunter auch etliche Frauen (Mandarawa, Sukkhasiddhi, Niguma). Die Lehren wurden im kleinsten Kreis praktiziert. Die Biographien dieser Meisterinnen und Meister sind voller Rätsel und Zauber. Nur Schülerinnen, welche höhere Bewußtseinskräfte (Siddhis) klar manifestieren konnten, wurden als Linienhalter anerkannt. Keiner dieser Meisterinnen hat in irgendeiner Form eine Schule oder Institution begründet. Der Lebensstil ist frei und wild, oft ständig auf Wanderschaft, oder mit langen Aufenthalten in der freien Natur verbunden. Eine Vermengung der spirituellen Macht mit weltlicher Macht findet meistens nicht statt. Ursprüngliches Tantra wurde in Tibet und dem ganzen Himalayaraum praktiziert und erhalten, es kann auch heute noch erlernt werden, wenn man eine Meisterin findet. Da es häufig von Paaren praktiziert wird, ist der Anteil von Männern und Frauen ungefähr gleich hoch. Die Schulung ist völlig individuell, es gibt kein Standardprogramm.

Später, vor allem in der zweiten Phase der Übertragung der tantrischen Lehren nach Tibet (um 1000 n. Chr.,) kam es zu einer Institutionalisierung in den vier Hauptschulen des tibetischen Buddhismus.Die Lehren sind dieselben, auf denen das ursprüngliche Tantra beruht, aber der Lebensstil und die eigentlichen Details der Praxis sehen oft ganz anders aus. Zum Beispiel wird im ursprünglichem Tantra die tatsächliche sexuelle Vereinigung zweier Praktizierender, verbunden mit der Annahme eines passenden männlich-weiblichen Buddaaspekts (tib. Yab-Yum) als essentiell erforderlich für die Verwirklichung gesehen, im institutionalisiertem Tantra wird eine solche Vereinigung oft nur noch visualisiert. Es gibt große Klöster, oft mit Tausenden Mönchen. Es gibt eine systematische Schulung, die für alle gleich ist. Frauen wurden in die Bedeutungslosigkeit gedrängt, die Nonnen-Linien des institutionalisierten Tantra machen zahlenmäßig keine fünf Prozent aus. Ein wesentlicher Punkt ist die Meinung, daß durch ein systematisches Training, beginnend mit vorbereitenden Übungen (Niederwerfungen usw.) sich auf jeden Fall Resultate einstellen werden. Das ist aber nur der Fall, wenn diese Übungen unter einer wirklich kompententen Aufsicht geübt werden. Im Westen, wo häufig vorbereitende Übungen ohne Meister und nicht im Retreat geübt werden, kommt es oft nur zur Abzählung diverser vorgeschriebener Mantras und Rezitationen, ohne das die erforderliche Änderung der Persönlichkeit stattfindet. Es ist zu bedenken, dass ein wirklich tiefes Verständnis der Lehren (eine tatsächliche Verwirklichung) kaum durch irgend einen institutionalisierten Lehrgang erreicht werden kann. Es fällt auch auf, dass in einem durchschnittlichen Vajrayana-Kloster nur ein sehr kleiner Prozentsatz der dort Lebenden überhaupt eine Ausbildung in den höheren Tantras hat. (zur Ausbildung ohne Institution vergleiche "Die Mahasiddhas - jenseits der Konvention").
Der Übergang zwischen den ursprünglichen Methoden und dem institutionalisiertem Tantra ist fließend und in beide Richtungen möglich. Viele Linienhalterinnen sind teilweise dem einen, teilweise dem andern zuzurechnen.

Die Schülerin benötigt für jede Praxis drei Dinge: Einweihung, Textermächtigung, persönliche Instruktion.Die Einweihung durch die Meisterin ist ein magischer Akt, der eine dauerhafte Veränderung bewirkt. Einweihungen wurden früher nicht öffentlich an unbekannte Personen gegeben. Diese Art von Einweihungen sind in Wirklichkeit nur die Vorstufe zur eigentlichen Einweihung, die nach wie vor nur bei entsprechender Eignung und Bewährung gegeben wird, nicht unbedingt in der formal symbolischen Weise, wie man das bei öffentlichen Einweihungen beobachten kann. Es handelt sich um eine direkte Macht-, Kraft-, Bewußtseinsübertragung. Man kann über Einweihungen noch so viel gelesen haben, nur die Erfahrung einer "eigentlichen" Einweihung zeigt, worum es sich handelt. Ohne jahrelange Schulung unter unmittelbarer Aufsicht einer Meisterin ist diese Erfahrung nicht möglich.
Das Verständnis für Einweihung und magisches Geheimnis ist im Westen, nicht zuletzt dank brutalen christlichen Terrors gegen die griechischen Mysterien, die keltischen und germanischen Kulte sowie alle heidnische magische Kunst außerhalb Europas fast völlig verlorengegangen.
Das Esoterik-Regal im Buchladen gibt ein erschütterndes Bild. Magie ist ein Weg der Selbsterkenntnis und nicht ein billig und einfach zu benutzendes Mittel, um Geld oder Sexualpartner herbeizuschaffen. Zahlreiche Buchtitel offenbaren angebliche Geheimnisse, der Kelten, Indianer oder der Tibeter. Aber ein offenbartes Geheimnis ist doch gar keines mehr! Die Kräfte, zu denen man vorstößt, wenn man bereit ist, sich einer langen und anspruchsvollen Schulung zu unterziehen, können nicht durch Ausführung von ein paar Rezepten oder Visualisationen errungen werden. Der tantrische Buddhismus ist einer der wenigen noch existenten Wege,dessen Überlieferungslinien noch nicht ausgestorben sind oder mit Gewalt beseitigt wurden, und die auf eine Jahrhunderte lang erprobte Weise zu magischen Kräften, die dort Siddhis genannt werden, führen.

Textermächtigung: Der Praxistext darf erst von der Schülerin benutzt werden, nachdem die Meisterin diesen verlesen hat. Ausführliche Textermächtigungen beziehen sich auf die sogenannten Wurzeltantras, das sind jene Texte, die einer bestimmten Praxisform zugrunde liegen. Diese Texte sind in Einer "Zwielichtsprache" geschrieben. Das ist zum Teil eine Codierung, wobei bestimmte Begriffe durch ganz andere ersetzt werden. Die eigentliche Bedeutung wird dann nur mündlich erklärt. Es ist aber auch eine Form des Herauslesens verschiedener Bedeutungsebenen, die nur aus der Praxis heraus durchgeführt und verstanden werden kann. Westliche Gelehrte, die solche Texte zwar studiert haben, sich der zugehörigen Einweihung und Praxis aber nie unterzogen haben, können solche Texte nicht verstehen. Daher kommt es von dieser Seite immer wieder zu oft völlig abstrusen Mißverständnissen und falschen Interpretationen. Ein ganz typisches Mißverständnisses bezieht sich auf die "zornvollen Gottheiten", die oft der Mitte einer Ansammlung eher abstoßender Dinge stehen. Ich will hier nicht erklären, was diese bedeuten, aber eines ist ganz sicher: Sie können nur durch persönliche Erfahrung, resultierend aus langjähriger Praxis, die auf eine dieser Formen gerichtet ist, verstanden werden. Was es heißt, auf den Mond zu fliegen, weiß auch nur jemand, der die Reise unternommen hat.
Die Sprache der Wurzeltantras, der Sadhanas (Praxistexte), auch die der Biographien der großen Meister, ist poetisch, vieldeutig, geheimnisvoll, manchmal auch verwirrend. Ähnlich der Rolle, die die Göttermythen in den antiken Mysterien gespielt haben, bereiten sie auf subtile Weise die Aspirantin auf die Begegnung mit den tantrischen Yidam-Gottheiten vor, komplexen vielgesichtigen und vielarmigen Wesen, welche als Formen der männlichen und weiblichen Buddhas betrachtet werden, erschienen zur Beseitigung der Leiden spezieller Wesen.

Persönliche Instruktion:
Persönlich heißt: unter vier Augen oder in sehr kleinen Gruppen, deren Mitglieder sich gut und lange kennen. Es handelt sich nicht nur um formale mündliche Belehrungen, etwa Details der Ausführung einer Praxis, sondern auch um gezielte Hinweise und Korrekturen, die die Schülerin von der Meisterin im Verlauf mehrjähriger Beschäftigung mit einer Praxis erhält. Diese Weitergabe kann nicht erfolgen, wenn die Lehrerin nicht einmal den Namen der Schülerin kennt. Tantra hat etwas mit der Integration von Emotionen, die in Beziehungen auftreten, in den Pfad zu tun. Ohne tiefe persönliche Beziehungen zwischen Schülerinnen und Lehrerinnen, aber auch der Schülerinnen untereinander, ist eine Übertragung der Lehren nicht möglich. Es genügt nicht, einmal in der Woche zusammenzukommen und ein tibetisches Ritual zu singen. Die Interaktion der Mitglieder der Gemeinschaft außerhalb der gemeinsamen Praxis ist wesentlich. Wir können unseren Geist nicht mit dem Geist des Buddhas vereinigen, wenn wir nichts mit dem Geist unseres Nachbarn im Meditationsraum zu tun haben wollen.
In Umkehrung des berühmten Diktums von Sartre, "die Hölle sind immer die anderen", müßte es im Tantra-Buddhismus heißen: Alle anderen haben die Buddhanatur in sich, so auch ich. Es ist sehr leicht, so etwas zu denken, solange man nicht näher miteinander zu tun bekommt. Es ist leicht, einen Meister als Buddha zu verehren, solange man mit einem Foto kommuniziert und nicht dem Meister selbst. Erst der oft schmerzhafte Prozeß des Abbaus von Idealisierungen und Schönfärberei, erst der Verzicht darauf, anderen und sich selbst künstliche Harmonie und buddhistisches Lächeln vorzugaukeln, macht auf nackter Wahrheit beruhende Verbindungen möglich. Tantra heißt weben, das Gewebe der authentischen Kommunikation zwischen den Praktizierenden und der Meisterin spiegelt sich wieder im Mandala der Gottheit mit ihrem Gefolge.

Geheimhaltung: In den höheren Tantras sind geheim: Ort und Zeit der Praxis, Identität der Teilnehmerinnen. Außenstehenden werden die verwendeten Ritualinstrumente nicht gezeigt, noch der Inhalt der Praxis (z.B. der Name des Buddhaaspekts) offenbart. Der Zugang erfolgt häufig nur durch Einladung, nachdem die zugelassene Person geprüft und für geeignet befunden wurde. In allen magischen Künsten spielt Schweigen und Geheimhaltung eine wesentliche Rolle. Es handelt sich nicht um eine Geheimhaltung von Informationen, was bekanntlich nie sonderlich lange funktioniert, sondern um eine Geheimhaltung die sich aus der grundsätzlichen Nichtverbalisierbarkeit der Erfahrung und ihren praktischen Folgerungen ergibt. Die Geheimhaltung schafft einen geschützten Bereich, innerhalb dessen das Wachstum der Fähigkeiten erfolgen kann. Schweigen bedeutet auch, sich nicht hervorzutun, die Errungenschaften nicht zu zeigen, Unauffälligkeit in jeder Weise. Es gibt viele berühmte Lamas, hohe Tulkus, große Gelehrte. Und es gibt Leute, welche die Lehren völlig verwirklicht haben, die weder besondere Gewänder oder Titel tragen noch besondere Sitze einnehmen noch irgendeine Form öffentlicher Anerkennung genießen. Leider läßt sich der Westen oft durch dubiose "Meister", die auffällig auftreten und die Medien geschickt nutzen, manipulieren.

Gelübde: Die höheren Tantras kennen spezielle Gelübde. Diese werden ebenfalls nur mündlich genau erklärt. Es handelt sich nicht um moralische Regeln im üblichen Sinn, sondern um dauernde Übungen. Zu den Gelübden gehört es weder, etwas für wahr zu halten, nur weil der Lama es sagt, noch sexuelle Monogamie, noch "du sollst zu keinem andern Lama gehen", noch sonst etwas beschränkendes oder einengendes. Eines davon lautet, "alle Phänomene als rein zu betrachten." Durch verschiedene Formen des Umgangs mit Dingen, die üblicherweise für unrein gehalten werden, kann man das ohne Anstrengung halten.

Furchtlosigkeit: Buddhistisches Tantra ist ein magischer Pfad, der höhere Bewußtseinskräfte, aber auch die in unserem Unterbewußten schlummernden Dämonen aller Art weckt und integriert. Er erfordert wie alle magischen Wege hohe Nervenstärke und Bereitschaft, sich mit schwierigen und unangenehmen Personen und Situationen einzulassen, sowie eine hohe körperliche und emotionelle Belastungsfähigkeit. Eine der wichtigsten Buddhaaspekte heißt Amoghasiddhi, "der Furchtlose mit den höheren Bewußtseinskräften." Das hat schon seinen Grund.

Wissen, Wagen, Wollen, Schweigen sind die Kräfte der Sphinx der westlichen Mysterien. Sutra, Furchtlosigkeit, Sadhana-Praxis und noble Zurückhaltung beschreiben den kostbaren Pfad der buddhistischen Tantras.


Durch den Segen der machtvollem Praxis des Wissenshalter Gurus, mögen alle Wesen den sehr reinen ursprünglichen Zustand erreichen.
Mögen die tiefen geheimen Lehren, die Lebensdauer und der Verdienst anwachsen und die hindernden Ursachen befriedet werden.
Möge das Glück dieser Tugenden herrschen.

(aus einem Nyingma-Sadhana)