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Gibt es erleuchtete Kinder?Wer kennt sie nicht, die Bilder aus Hollywood (The little Buddha, Sieben Jahre Tibet, Kundun, etc.), aus dem Fernsehen (Karmapa-Diskussion, Tulku von Kalu Rinpoche, etc.) aus Wochenmagazinen, sogar Tageszeitungen: "Kind X als (Wieder)-Verkörperung des Meisters Y erkannt...... Kind X als Nachfolger von Y inthronisiert.....Streit um die Wiedergeburt von Y: Ist Z oder X der richtige Nachfolger?..... Chinesen entführen den 6-jährigen Panchen Lama und setzen ein anderes Kind als Wiedergeburt ein....."Sind diese Wiedergeburten (Tulkus), meist tibetischer buddhistischer Meister, ein essentieller Bestandteil des tibetischen Buddhismus? Glauben Buddhisten an erleuchtete Kinder? Gibt es erleuchtete Kinder? Die Antwort ist ein klares Nein, diese für viele Anhänger des tibetischen Buddhismus wohl etwas befremdliche Aussage möchte ich im folgenden argumentativ untermauern. 1) Falscher Gebrauch des Begriffs Tulku Das tibetische Wort Tulku ist nichts anderes als die Übersetzung des Sanskritbegriffs Nirmanakaya, das bedeutet Ausstrahlungs- oder Emanationskörper. Dies ist nach dem Dharmakaya und dem Sambhogakaya der dritte der drei Körper des Buddha. (1) Tulku bedeutet somit verkörperter Buddha, also ein Mann oder eine Frau, welche die höchste, unübertroffene Erleuchtung (Anuttarasamyaksambodhi) inklusive sämtlicher damit verbundenen Kräfte, Fähigkeiten und Kenntnisse erlangt hat. Es ist selbstverständlich völlig ausgeschlossen, daß ein Kind dieses nach der buddhistischen Sichtweise höchstmögliche Bewußtseinsniveau erlangt hat. Es gibt in den Sutras und Tantras keine einzige Textstelle, welche wörtlich die Möglichkeit der Erlangung der Buddhaschaft durch ein Kind behauptet. (Die nichtmenschliche Geburt von Padmasambhava (2) und ähnliche Fälle illustrieren symbolisch die grundlegende Natur des Geistes, wie sie in den Dsog Chen Lehren verstanden wird und sind nicht wörtlich zu verstehen). Mag sein, daß ein Kind die Wiedergeburt eines erleuchteten Meisters ist, aber eine solche Wiedergeburt ist noch lange nicht selbst ein Meister! Meisterschaft kann im Dharma nur durch Übung erlangt werden, die Meisterschaft kann nicht von einem Leben in ein anderes mitgenommen werden. In der Praxis gelangt nur ein gewisser Prozentsatz der Kindertulkus zu einer relevanten Verwirklichung der Lehren, die anderen Fälle werden totgeschwiegen. Die häufig zu hörende Aussage, wenn man in einem Menschen den Buddha sieht, erhält man den Segen eines Buddha, ist unrichtig. Der Segen des Buddha besteht darin, den Weg zur Erleuchtung zu zeigen, das kann natürlich nur ein Erleuchteter. 2) Historisch-soziale Entwicklungen Das Weg der buddhistischen Tantras (Vajrayana), die vom Meister zum Schüler persönlich übertragene Geheimlehre des Buddhismus, begann sich vor beinahe 2000 Jahren in Indien zu entwickeln. Sieht man sich die Übertragungslinien aller heute existierenden tibetischen Schulen an, so stehen (fast ausnahmslos) am Beginn indische Meister mit höheren Bewußtseinskräften, die Mahasiddhas (3) wie Saraha, Nagarjuna, Tilopa, Naropa, Virupa, Ghantapada und viele andere. In dieser Zeit der Mahasiddhas (fast 1000 Jahre lang!) gab es nie Kindertulkus. Haben diese Meister etwa keine Tulkus gebildet? Hat man die Tulkus nicht gesucht oder gefunden? Das Tulkusystem in der Form der Suche nach der Inkarnation eines Meisters ist eine tibetische Erfindung und hängt mit der Gründung von Klöstern und Schulen zusammen, die nach einer Machtlegitimation für ihre Leiter suchten. Die Übertragung der geheimen Lehren erfordert überhaupt keine Organisation, die Personalunion von spirituellem Meister und weltlichem Fürst erfordert das sehr wohl. Wir dürfen nicht vergessen, daß Hierarchen (wie ungut treffend dieses Wort) der Saskyapa - und Gelug - Schulen zeitweise den weltlichen Herrscher von ganz Tibet stellten, jedes Tal in Tibet stand unter der Verwaltung und spirituellen Betreuung eines lokalen Klosters bzw. des Abtes dieses Klosters. Dementsprechend ging es bei der Tulkusuche zu: Orakel wurden bestochen, um den Favoriten einer bestimmten Familie zum Tulku zu machen, es wurde gelogen und betrogen, in manchen Fällen sogar gemordet, um einen bestimmten Kandidaten durchzubringen. Die heutigen Abscheulichkeiten wie der Karmapa - Streit (4) sind nichts anderes als ein neues Kapitel tibetischer Geschichte, mit der Übertragung der Lehren und der Praxis hat das nicht das geringste zu tun, im Gegenteil wird dergleichen von vielen westlichen Übenden als sehr störend empfunden. Auch der Konflikt um den Dorje Shugden - Kult (5) beruht unter anderem auf einer Jahrhunderte zurückliegenden Konkurrenz zwischen zwei Tulku-Kanditaten für das Amt des V. Dalai Lama. Viele intelligente, kritische Menschen, die für die Praxis der Tantras geeignet wären, fühlen sich von diesen Auseinandersetzungen abgestoßen. Ich frage mich ernsthaft, wozu 200 Jahre Aufklärung, Menschenrechte, Demokratie, Republik und kritische Geistes- und Naturwissenschaften gut waren, wenn es in Europa und Amerika immer noch Menschen gibt, die sich von einem tibetischen Kind, welches von Geburt an einer höheren Kaste angehört, Lösung ihrer Probleme erwarten. 3) Die persönliche Lage der Kind-Tulkus Der aktuelle Umgang mit den Kindertulkus ist ein unbeachtetes Problem. Einer meiner Lehrer, Chhimed Rigzin Khordong Terchen Tulku (!), sagte in kleinem Kreis einmal folgendes : Die Inkarnation eines wirklichen tantrischen Meisters kann in einer beliebigen Kultur erfolgen, auch zum Beispiel in einer amerikanischen Familie, die einer fundamentalistischen christlichen Sekte angehört. Handelt es sich wirklich um einen Tulku, so wird er sich unweigerlich irgendwann an seine Aufgabe, durch fortgesetzte Inkarnation die geheimen Tantras zu verbreiten, erinnern, er wird ohne jede Hilfe von außen mit geeigneten Übungen beginnen und früher oder später die für ihn richtigen Lehrer finden. Es ist nicht erforderlich, Tulkus zu suchen, und es ist nicht erforderlich, sie auf eine spezielle Art zu erziehen. Ein anderer mir persönlich gut bekannter Tulku erzählte einmal, daß seine ganze Kindheit eine Qual gewesen sei, weil er ständig "Einweihungen" geben mußte, die er nicht verstand! Stört es niemand im aufgeklärten Westen, daß hier völlig wehrlosen Kindern die Kindheit weggenommen wird? Glaubt jemand, daß ein Kind zu selbständigen Denken und Handeln gelangt, wenn es rund um die Uhr in autoritärster (häufig mit Prügeln verbundener) Weise geschult" wird? Ist es gut für ein Kind, ständig von Kameraleuten umlagert zu sein und von riesigen Volksmassen verehrt zu werden? Früher war ein Kindtulku nur in seiner näheren Umgebung bekannt, auch berühmte Tulkus wie die Dalai Lamas wurden immer für längere Zeit von der Öffentlichkeit ferngehalten. Die heutigen Massenmedien und ein paar Lamas im Hintergrund, die das Kind wie eine Marionette steuern, verschärfen das Problem noch weiter. Wo ein kleiner Tulku ist, fließt auch viel Spendengeld in die Klosterkassa. Wird der Tulku älter, wird er sehr häufig darin gehindert, sich eine Freundin zu suchen, sondern man zwingt den Jugendlichen, Mönch zu werden. Die UNO - Deklaration der Menschenrechte gilt auch für Kinder, auch für tibetische Kindtulkus. 4) Jugendliche Lehrer? Buddhistisches Tantra führt zur Erlangung der Buddhaschaft in einem Leben. Wenn der Übende nun ständig mit einer Person konfrontiert wird, die angeblich ohne Übung schon erleuchtet ist, vergißt er leicht, daß er selber die Erleuchtung durch Übung erlangen kann. An dieser Stelle ist zu bedenken, daß unter Lama im Sinn der Verkörperung der Zufluchtsobjekte ebenfalls nur eine Person zu verstehen ist, welche die Buddhaschaft erlangt hat. Guru - Yoga, eine Hauptübung im Tantra, dient dazu, den Geist des Schülers mit dem Geist des Meisters zu vereinigen, wodurch der Schüler selbst die Meisterschaft erlangt. Im Fall eines Kindes kann dieses Resultat niemals erzielt werden. Zum Erfolg des Guru - Yoga muß auch eine intensiver persönlicher Kontakt mit dem Meister möglich sein. Die heutigen Zustände, daß westliche Schüler Guru-Yoga mit Hilfe des Fotos eines Kindes üben, sind die letzte Degeneration des Vajrayana. In Wirklichkeit passiert dabei folgendes: Die geistige Energie tausender Anbeter wird in ein Objekt fokussiert. Dadurch treten verschiedene Effekte ein, die nichts über die Qualitäten des Kindes aussagen und beim Verehrer kein wirklich höheres Bewußtsein erzeugen, schon gar nicht die Erleuchtung. Was soll das heißen, einen bestimmten Tulku als den lebenden Buddha zu titulieren ? Der lebende Buddha ist die grundlegende Natur des Geistes. Haben die heutigen Dharmapraktizierenden vergessen, daß auch der Buddha eine leere und ichlose Illusion ist, wie ein Regenbogen oder das Spiegelbild des Mondes im Wasser? Dharmapraxis ist kein Monotheismus mit einem höheren Wesen, welches immer oberhalb und außerhalb des Anbeters bleibt, sondern ein Weg der Selbsterkenntnis. Ich sage hier nicht, daß man keinen Lehrer braucht. Ein Lehrer hat zu lehren und nicht zu „"segnen", ein verwirklichter Lehrer führt den Schüler zur Verwirklichung. Ein tantrischer Meister / eine Meisterin muß in der Lage sein, jedem Schüler / jeder Schülerin die individuell verschiedenen Instruktionen zu geben, die diese Person zur Verwirklichung der Lehren führen. Wie soll ein Kind ohne Lebenserfahrung, ohne Schulung, ohne eigene Verwirklichung der Meisterschaft dazu in der Lage sein ? 5) Aktuelle Fragen Fällt es eigentlich niemandem im Westen auf, daß etliche bedeutende Proponenten des tantrischen Buddhismus, wie zum Beispiel S.H. der Dalai Lama (selbst einer der bekanntesten Tulkus), schon wiederholt von der „Degeneration“ des Tulku-Systems sprachen und es für durchaus verzichtbar erklärten? Es gibt schon eine Menge im Westen lehrende Lamas, die bemerkt haben, daß viele westliche Schüler lieber in ihren letztlich auf Furcht und Hoffnung beruhenden geistigen Projektionen schwelgen, als die harte Arbeit der Selbsterfahrung auf sich zu nehmen. Wieso ist es überhaupt eine wichtige Frage, wessen Inkarnation Lama Soundso ist? In der modernen Politik werden Inhalte viel weniger beachtet als die handelnden Personen (in Amerika stürzen die Aktienkurse, wenn irgendwer behauptet, vom Präsidenten zum Oralverkehr aufgefordert worden zu sein). Im tantrischen Buddhismus geht es um eine Lehre zur Selbsterkenntnis, einem langen, harten und schwierigem Weg. Dieser Weg wird nicht von den bunten Bildern beleuchtet, die Hollywood von der Kindheit des Dalai Lama zeigt oder von den unzähligen Videos, die den Karmapa abfilmen. Die Inhalte der tantrischen Lehren bleiben in all diesen Produkten völlig auf der Strecke. Die Personalisierung des Buddhismus, die Reduktion auf wenige Berühmtheiten, die von der Wiege bis zur Bahre durch die Medien geistern, wirkt sich auf die Verwirklichung der Lehren überhaupt nicht günstig aus. Was erfahren wir über uns selbst, wenn wir ein Kind in Seidenroben auf einem hohen Thron umgeben von prächtig bunt gekleideten Würdenträgern für den verkörperten Ausdruck der Erleuchtung halten? Wir wollen eine harmlose Erleuchtung, eine liebe, putzige, dem Kindchen-Schema gehorchende, leicht konsumierbare, sich gut anfühlende - das erfahren wir. Wir wollen niemand, der uns durchschaut, niemand, der uns mit unseren Schwächen und negativen Seiten konfrontiert, niemand der uns fordert, niemand, der wirklich für uns Zeit hat - die reale Arbeit eines Meisters mit einem Schüler erfordert sehr viel Zeit auch seitens des Meisters und ist nicht in lächerlichen Fünf-Minuten- Audienzen, bei denen sowieso nur Nettigkeiten ausgetauscht werden, zu bewältigen. Eine weitere Frage in diesem Zusammenhang erhebt sich: Warum sind es eigentlich fast ausschließlich männliche Kinder, die hier als Projektionsfläche dienen, wo bleiben die Tulkus der vielen großen weiblichen tantrischen Yoginis wie Yeshe Tsogyel, Machig Labdrön, Niguma, Sukkhasiddhi und anderer mehr? 6) Grundlegende Fragen: Vom Sutra-Standpunkt (6) aus gesehen: Die Aussage Hugo ist die Inkarnation von Franz entspricht nicht der buddhistischen Sichtweise, weil weder Hugo noch Franz ist. Es inkarniert eben nicht Franz als Hugo, sondern das Karma von Franz sorgt (unter anderem) für die Inkarnation von Hugo. Karmische Bildekräfte sind genauso leer von unabhängiger Eigenexistenz wie Körper, Gefühl und so weiter. Real erscheinendes als real zu betrachten ist genau jene grundlegende Anhaftung und Unwissenheit, die das nicht-erwachte Wesen auszeichnet. Vom Tantra-Standpunkt aus gesehen: „Gegebenheiten, die ohne Namen sind, mit Namen zu versehen ist das Brechen des (elften) Gelübdes.“ Dieses Zitat aus den „14 Wurzel-Verletzungen der tantrischen Gelübde“, einer Serie von Anweisungen, die für jeden Übenden höherer Tantras verbindlich sind, läßt an Deutlichkeit nichts zu wüschen übrig. Wir brechen die tantrischen Gelübde mit jedem gedanklich benennendem Konzept. Die Gegebenheit ohne Namen ist jenes nicht erfaßbare, auf das Wörter wie Erleuchtung, Mahamudra, Leerheit nur verweisen. Wenn wir behaupten, das ein bestimmtes Kind dieses nicht besitzbare besitzt, haben wir den Pfad der Tantras bereits verlassen. Brechen die erwachsenen tibetischen Lamas nun die Gelübde, indem sie dem Kind-Tulku-Betrieb fördern? Einige ganz sicher, es gibt aber gar nicht wenige tibetische Meister, die ihrer eigenen Gesellschaft äußerst kritisch gegenüber stehen und die These vertreten, daß vieles vom Unglück der Tibeter von der Degeneration der eigenen Praxis, speziell was die tantrischen Gelübde betrifft, herkommt. Andere wissen sehr wohl, daß es keine erleuchteten Kinder gibt, sagen es aber nicht, zumindest solange man Sie nicht direkt danach fragt. Diese nehmen oft auch den leider sehr berechtigten Standpunkt ein, daß im Westen ohnehin kaum jemand sich in den höheren Tantras übt, somit ist es auch nicht wirklich übel, die naive Gläubigkeit der Westler so zu lassen, wie sie eben ist. 7) Erfahrungsberichte von Betroffenen gibt es immer mehr, und sie werfen auch nicht gerade ein positives Licht auf die Angelegenheit. Die im Westen sehr bekannten Meister Chögyam Trungpa und Namkhai Norbu haben sich in ihren Büchern klar über ihre Tulku-Kindheit geäußert, klar wird vor allem auch, daß Sie als Kinder und Jugendliche keineswegs erleuchtet waren. Kürzlich erschien ein Buch von Chagdud Tulku, welches in einer geradezu exemplarisch offenen und ehrlichen Weise die sehr sympathische Nicht-Erleuchtetheit dieses großen Meisters beschreibt bevor er mit ungefähr 30 Jahren das wurde, was seine „Vorinkarnationen“ alle waren: große Meister. Bleibt zu hoffen, daß diese ungeschminkten Berichte ernster genommen werden als jene von Heuchelei und Idealisierungen triefenden Berichte über manche jugendlichen Tulkus, die uns die erleuchtete Perfektion dieser in Wirklichkeit tief vereinsamten Burschen verdeutlichen wollen., die den künstlich-überspannten Erwartungen ihrer Instrukteure ständig genügen müssen. Ich wünsche mir von allen Dharmapraktizierenden im Westen, sich kritisch mit den hier aufgeworfenen Fragen auseinanderzusetzen. Jeder von uns sollte auch seine Lehrer mit diesen Thesen konfrontieren und um eine Stellungnahme oder konkrete Veränderungen ersuchen. Buddhistisches Tantra im Westen sollte nicht tibetische Unsitten importieren, sondern unter Berücksichtigung westlicher psychologischer, pädagogischer und historisch-politischer Erkenntnisse für einen Weg der Befreiung von Leiden, Anhaftung und Illusion sorgen. Abschließend möchte ich noch einmal ausdrücklich feststellen, daß ich nicht die Qualifikation erwachsener männlicher und weiblicher Meister der buddhistischen Tantras in Frage stelle, nur weil sie Tulkus sind, oder für die Entfernung dieser Thematik als Ganzes eintrete. Schließlich kann man keinen Meister daran hindern, sich früherer Leben zu entsinnen und daraus Kenntnisse zu schöpfen ..... Es geht mir einzig um die Kinder und Jugendlichen: Man soll sie in Ruhe lassen. Man soll sie nicht verehren. Man soll sie nicht suchen - sie sind ohnehin da. ANMERKUNGEN: (1) Die Drei-Körper Lehre unterscheidet drei ineinander fließend übergehende Erscheinungsformen jedes weiblichen und männlichen Buddhas: Den Körper, der die innere Essenz des Buddhas darstellt, dieser ist ohne Form und Eigenschaften, ohne Innen und Außen (Dharmakaya). Zweitens den Körper der wonnevollen Verzückung, dieser tritt uns in den verschiedenen männlichen, weiblichen und männlich-weiblich vereinigten Formen der buddhistischen Tantras entgegen, häufig in vielköpfigen, vielarmigen Formen, keineswegs nur symbolische Visualisationen, sondern wirkmächtige Entitäten für den Übenden. (Sambhogakaya). Der dritte Körper tritt uns als vollerleuchtetes Wesen aus Fleisch und Blut entgegen (Nirmanakaya = Tulku). (2) Padmasambhava ist der Gründer der ältesten tibetischen tantrischen Überlieferungslinie, der Nyingma- Schule. Seine umfangreiche Biographie muß auf mehreren Ebenen gelesen werden und kann vollinhaltlich wohl nur von in seinen Lehren fortgeschrittenen Übenden gewürdigt werden. Die Biographie beginnt mit seiner nichtmenschlichen Geburt aus einer Lotusblüte, er ist nach dem Text zwar von Geburt an ein Buddha, sucht aber trotzdem eine ganze Reihe von tantrischen Meistern auf, um von ihnen Einweihungen und Belehrungen zu erhalten. (3) Der Lebenstil dieser Mahasiddhas unterschiedet sich beträchtlich vom klösterlichen Stil, der in Tibet das zahlenmäßige Übergewicht bekam. Er verzichtet vor allem auf jegliche weltliche Macht und meidet die Verwicklung in Institutionen aller Art. (4) Der Karmapa ist das Oberhaupt der Karma-Kagyü-Schule. Es wird von ihm gesagt, daß er der einzig sich bewußt verkörpernde Tulku ist und das seine Verkörperungslinie am weitesten zurückreicht. Diese Aussagen werden unter anderem durch bestimmte Nyingma-Tulkus, die ihre Linie bis in die Zeit ihres Meisters Padmasambhava zurückführen, relativiert. Der gegenwärtige 17. Karmapa Urgyen Thinley Dorje wurde zwar von zwei der vier Regenten der Linie als solcher anerkannt (der dritte Regent starb plötzlich), sowie von allen Oberhäuptern der anderen tibetischen Schulen, der vierte bezeichnete ein anderes Kind als den 17. Karmapa und löste damit einen unerquicklichen Streitfall aus, der die zahlenmäßig sehr große Karma-Kagyü Gemeinschaft in zwei Teile spaltete und für zahlreiche Brüche der ethischen Regeln und der tantrischen Gelübde sorgte. (5) Der Dorje-Shugden Kult beruht auf der Gleichsetzung eines Beschützers der Lehren mit einem Buddha. Es handelt sich um ein komplexes Phänomen, welches in buddhistischen Medien derzeit breit diskutiert wurde. Der gegenwärtige 14. Dalai Lama jedenfalls hat seinen Schülern die Ausübung dieser Praxis verboten. Dorje Shugden ist vielleicht die Wiedergeburt (in der Geisterwelt!) eines erfolglosen Konkurrenz-Tulkus zum sowohl historisch als auch in der Verwirklichung der Lehren sehr bedeutsamen 5. Dalai Lama. (6) Im Vajrayana unterscheidet man zwei aufeinanderfolgende Stadien der Praxis: Der Sutra-Weg umfaßt die meditative Enfaltung zunächst von Geistsruhe und Klarblick (im Hinblick auf die Vergänglichkeit, Ichlosigkeit etc.), also den Urbuddhismus, und die Enfaltung des relativen und absoluten Erleuchtungsgeistes durch die Bodhisattva-Übungen, also den Mahayana-Weg. Die Tantras können erst nach diesen Stadien in Angriff genommen werden und bilden das eigentliche Vajrayana, welches wiederum in mehrere Stufen unterteilt ist. |