Die verschleiernde Enthüllung: Folgen eines Mißbrauchs tantrischer Lehren

Das Wort zum Buch von June Campbell

Eigentlich wollte ich nur eine Rezension schreiben. Doch schon nach der Lektüre weniger Seiten wurde mir klar, daß es damit nicht getan sein würde. Ich hätte schreiben müssen, daß es ein schlechtes Buch voller Fehler ist, aber ich hätte damit den Umfang des Problems, welches dem Buch zugrunde liegt, keinerlei Untersuchung gewidmet. Das Problem ist das Verhältnis von Frauen und Männern im buddhistischen Tantra zueinander, speziell die Position der Frauen, und die Verwendung der sexuellen Energien als Erleuchtungsmittel. (siehe auch meinen Artikel Sexuelle Praxis im buddhistischen Tantra, siehe weiteres das fundierte und lesenswerte Buch von Miranda Shaw: Erleuchtung durch Ekstase - übrigens das einzige in deutsch greifbare Werk, welches das Thema korrekt darstellt).
Obwohl sich das eigentlich von selbst verstehen sollte, möchte ich eingangs ausdrücklich feststellen, daß ich die im persönlichen Fall von June Campbell wohl sehr wahrscheinlich stattgefundene mißbräuchliche Verwendung von Sexualität weder verharmlosen noch verteidigen will.

Der Anlaß

Ende 1996 erschien in der amerikanischen buddhistischen Zeitschrift Tricycle ein aufsehenerregendes Interview mit June Campbell, welches von vielen anderen buddhistischen Zeitschriften veröffentlicht wurde, viele Zeitschriften machten auch weitere Interviews. Gleichzeitig erschien ihr Buch „"Traveller in Space"“, dessen deutsche Übersetzung "Göttinnen, Dakinis und ganz normale Frauen" Gegenstand dieses Artikels ist. Das oben erwähnte Interview enthält zwei wesentliche Aussagen:
1) June Campbell gibt an, daß sie viele Jahre lang eine sexuelle Beziehung zu dem um vieles älteren und nach außen stets als Mönch auftretenden tibetischen Lama Kalu Rinpoche hatte und gezwungen wurde, diese Beziehung geheimzuhalten.
2) Das Interview sagt aus, daß dieses Verhältnis typisch für den patriarchalen tibetischen Buddhismus sei, daß das große Geheimnis der buddhistischen Tantras nichts anderes als die mißbräuchliche Benutzung von Frauen zwecks „geheimer tantrischer Riten“ durch nur angeblich zölibatäre Mönche sei und daß dieses Patriarchat durch das Tulku-System, der Machtübergabe von Männern an Männer, besonders stark ausgeprägt werde. Das „Buch zum Interview“ breitet dann diese Aussagen auf dreihundert Seiten aus.

Zum Interview - Aussage 1:

Kalu Rinpoche ist tot, Campbell hat mit ihrer Publikation nach seinem Tod mehr als zehn Jahre gewartet. Über einen Toten, der sich nicht wehren kann, Unrühmliches zu erzählen, gilt nicht einmal bei uns im Westen als besonders schicklich, noch viel weniger im asiatischen Kulturraum. Darüber hinwegsehend muß ich leider sagen, daß ich Campbells Geschichte glaube. Daß ihr etwas sehr Schmerzvolles im sexuellen Bereich zugestoßen sein muß, wird aus dem Buch selbst allzu deutlich. Kalu Rinpoche sieht meiner Meinung nach in dieser Geschichte nicht gut aus, entweder war Campbell für die noch zu besprechende Praxis nicht geeignet, dann hätte er es bemerken müssen, oder es war gar nicht die gewisse Praxis, sondern „gewöhnlicher“ Sex, dann hätte er ihre offensichtliche psychische Abhängigkeit nicht ausnutzen dürfen (ein Lama soll sowieso keine Abhängigkeitsverhältnisse dulden!). Am gravierendsten erscheint mir, daß Kalu Rinpoche nach außen immer als Mönch aufgetreten ist, obwohl er gar keiner war. Das ist nämlich entgegen Campbells Aussagen keineswegs üblich. Campbell scheint auch von den Grundlehren der buddhistischen Tantras fast nichts verstanden zu haben, was auch nicht sehr für ihren Lehrer, den sie ja Jahre lang begleitet hat, spricht. Wie auch immer, ich gehe im folgenden davon aus, daß die Behauptungen Campbells bezüglich des Ereignisses stimmen.
Kalu Rinpoche war einer der ganz wenigen Linienhalter der Shangpa Kagyü Tradition, einer sehr kostbaren und seltenen Übertragungungslinie. Der Gehalt dieser Lehren ist natürlich durch diese Ereignisse nicht geringer geworden, ebenso besteht kein Grund, die zahlreichen westlichen Schülerinnen und Schüler von Kalu Rinpoche seit Bekanntwerden dieser Geschichte weniger zu respektieren - Kalu Rinpoche war ein ungewöhnlich anpruchsvoller Meister und hat von den Schülern sehr viel verlangt.

Zum Interview - Aussage 2:

Diese Aussage ist eigentlich nichts anderes als eine Verallgemeinerung des persönlich leidvollen Erlebnisses von Campbell: So wie ihr Meister Kalu Rinpoche war, sind alle tibetischen Meister (oder zumindest viele). Das sieht man nicht, weil es unter der Decke der Heimlichkeit passiert; da sie als Frau mißachtet wurde, sind auch alle Lehren des tibetischen Buddhismus auf die Mißachtung, Diskriminierung, den sexuellen Mißbrauch von Frauen ausgerichtet. Ich kann es gut verstehen, daß Campbell zu so einem Schluß kommt, aber fast alles, was Campbell über die Theorie hinter dem Ereignis schreibt, ist völlig falsch.
Wenn zum Beispiel jener Mann, der als Jugendlicher vom österreichischem Kardinal Groer sexuell mißbraucht wurde, ein Enthüllungsbuch schreiben würde, welches behauptet, daß die Geheimlehre der katholischen Kirche den homosexuellen Mißbrauch von Abhängigen nicht nur inkludiert, sondern das dies das zentrale Geheimnis der Kirche überhaupt ist, würde ein Aufschrei der Empörung durch die katholischen Kreise gehen. Wieso seitens der Buddhistinnen und Buddhisten, die über die betroffenen Lehren aufgrund eigener Praxis Bescheid wissen, noch keinerlei Reaktion erfolgt ist, ist mir unverständlich. Sieht niemand diese durch und durch zweifelhafte Verallgemeinerung, die der vorgeblichen Wissenschaftlichkeit des Werks Hohn spricht?
Ich will jetzt keineswegs die Diskussion mit dem Wort Einzelfall erledigen. Mag sein, daß es noch andere Fälle gibt. Aber die Lehren der buddhistischen Tantras erlauben keinesfalls den sexuellen Mißbrauch, sie erlauben nicht einmal die kleinste Diskriminierung von Frauen (vgl. die im Anuttara-Tantra verbindlichen 14 tantrischen Gelübde). Wer solchen Mißbrauch treibt, lebt nicht in Übereinstimmung mit den buddhistischen Lehren.

Zum Buch: Die positiven Seiten

Generell positiv zu vermerken ist es, daß das Buch viele Einrichtungen des tibetischen Buddhismus hinterfragt und kritisiert. Die Literatur zum buddhistischen Tantra wird häufig ihrem Gegenstand nicht gerecht, besonders wenn diese von Nicht-Buddhisten verfaßt ist. Andererseits sind die Werke von Praktizierenden oft sehr beschönigend und idealisierend, negative Seiten werden nicht erwähnt. Literatur, die die Übertragung der tantrischen Lehren im Westen sowohl würdigt und fördert, aber auch Auswüchse kritisiert, zum Beispiel die Vermengung der Lehren mit tibetischer Politik oder sektiererische Tendenzen mancher Schulen, ist nahezu nicht existent. Campbells Buch zeigt, daß man vieles in Frage stellen kann, dieses kritische Überprüfen eigener Positionen ist unter den häufig sehr passiven und autoritätshörigen Anhängern des tibetischen Buddhismus eher selten anzutreffen, aber in Wirklichkeit eine Vorbedingung für die Übertragung der essentiellen Lehren. Mir fällt besonders positiv auf, daß der Umgang mit den Kindern, die als Inkarnationen früherer Meister gelten (Tulkus, in Wirklichkeit eine Bezeichnung für voll verwirklichte männliche und weibliche Buddhas, nicht aber für Kleinkinder, die die Lehren nicht verwirklicht haben können) endlich einmal zur Sprache gebracht wird. Allerdings ist das Tulku-System entgegen Campbells Behauptung keineswegs zentraler Bestandteil des tantrischen Buddhismus, dieser ist jahrhundertelang ohne dieses System ausgekommen. Es gibt viele bedeutende buddhistische Meister, die keine Tulkus sind. Im Westen, wo man stark zur Personalisierung neigt, wird die praktische Bedeutung der Tulkus falsch mit Ihrem Bekanntheitsgrad gleichgesetzt. Ein Buddhismus, der sich schon mehr mit den Lehrern als mit den Lehren beschäftigt, ist sicher nicht mehr akzeptabel, mich interessiert bei der Ankündigung eines Meisters jedenfalls überhaupt nicht, wessen Tulku er ist, sondern ob und wo er gelernt hat, mit den im Westen anstehenden Problemen umzugehen.
Ein weiterer positiver Punkt ist es, daß endlich einmal das Übergewicht von männlichen Meistern gegenüber weiblichen kritisiert wird. Es stimmt zwar nicht, wie das Buch behauptet, daß es seit 500 Jahren keine weiblichen Meister mehr gegeben hat (es gibt derzeit im Westen ein gutes Dutzend mit voller Lehrberechtigung), aber von einer ausgeglichenen Quote sind die Frauen weit entfernt. Das gilt für zahlreiche westliche Institutionen (Politik, Wissenschaft, Finanzwesen,...), gerade in Gemeinschaften, die sich die Bewußtseinsentwicklung auf die Fahnen schreiben, sollte sich das ändern. Wiederum ganz entgegen den unablässig im ganzen Buch wiederholten Aussagen Campbells, ist es für Frauen genauso wie für Männer möglich, die sehr schwierige und anstrengende Ausbildung zur Linienhalterin zu machen, es ist dafür keineswegs erforderlich, als männlicher Tulku zu inkarnieren - wodurch natürlich Frauen von vornherein ausgeschlossen wären.

Die lange Reise durch die negativen Seiten:

Um all die Ungenauigkeiten, Fehler, Verwechslungen, Fakten-Verdrehungen und Mißverständnisse dieses Buchs aufzuzählen, wäre ein Abhandlung erforderlich, die ziemlich lang wäre. Aus Platzmangel kann ich im folgenden nur einen Teil der teilweise auch mehrfach wiederholten Fehler aufzählen, ich werde mich dabei ungefähr an die Kapitelfolge des Buchs halten. Alles in Anführungszeichen ist wörtlich zitiert, aus Platzmangel wurde statt Zitierung bevorzugt zusammengefaßt.

Methodische Mängel:

"Die beiden theoretischen Ansätze, die meine Arbeit am meisten beeinflußt haben, sind die feministische Theorie und die Psychoanalyse."“
Beide Ansätze sind nicht dazu geeignet, den Gegenstand, nämlich die Praxis der buddhistischen Tantras, zu erfassen. Zumindest müßte eine theoretische Vergleichung der völlig verschiedenen Voraussetzungen der feministischen Theorie und der Psychoanalyse einerseits und der Tantras andererseits stattfinden, um die Arbeit auf ein nach den Kriterien heutiger Wissenschaftstheorie haltbares Fundament zu stellen. Statt dessen wendet Campbell Aussagen der beiden Theorien auf Aussagen der buddhistischen Tantras an, die sie fast ausschließlich der Sekundärliteratur und nicht den buddhistischen Quellen entnimmt. Daß so ein Verfahren verschiedenen Denkweisen und Kulturen nicht gerecht werden kann, wird seit den Sechzigerjahren vermutet und stellt heute anerkannten Forschungstand in der Wissenschaftstheorie dar. Erschwerend kommt noch hinzu, daß die Tantras eine Geheimlehre darstellen, die auch heute noch ausschließlich mündlich und persönlich vom Meister zum Schüler weitergegeben wird. Selbst wenn Campbell in diese Lehren wirklich eingeweiht worden wäre - was, wenn man das Buch als Einblick in Ihre Einsicht nimmt, sehr unwahrscheinlich ist - und selbst wenn sie mit den geschriebenen Quellen der Tantras gearbeitet hätte, wäre die unreflektierte Anwendung zweier Ansätze, die aus einem diametral andersartigem Kontext stammen, wissenschaftlich nicht korrekt.

Schlampiger Umgang mit Quellen:

"Die Schriften des tantrischen Buddhismus leugnen im allgemeinen, daß Frauen geeignete Buddha-Subjekte’sein können..."“
Mir ist keine Schrift des tantrischen (!) Buddhismus bekannt, die das leugnet, es kann auch gar keine geben, weil im (inneren bzw. Anuttara-) Tantra die Diskriminierung von Frauen untersagt ist. Warum kein Zitat aus so einer Schrift, welches die Behauptung belegt? Über die Lehren, die in der „Dämmersprache“ der Dakinis (weibliche Buddhas) abgefaßt sind:
"Es handelt sich dabei um den Teil des tibetisch-buddhistischen Schriften- Kanons, der sich mit den tantrischen Sexualpraktiken befaßt."“
Schriften, in denen irgend etwas stehen soll, werden im ganzen Buch immer wieder erwähnt, sehr häufig wird aber nichts zum Beleg dieser Behauptungen aus diesen Schriften zitiert. Obwohl Campbell tibetisch spricht (sie war Kalu Rinpoches Übersetzerin), taucht in der Bibliografie kein einziges tibetisches Werk auf, das wäre noch verzeihlich, doch es werden auch keine englischen Übersetzungen von tibetischen Werken zitiert, die sich unmittelbar auf das Thema des Werks beziehen, nämlich auf die Tantras, die sich mit sexuellen Ritualen und mit den Dakinis befassen. Buddhistische Praxis-Texte kommen in dem ganzen Buch fast überhaupt nicht vor, ständig wird aber behauptet über die Praxis Bescheid zu wissen. Die einzigen Quellen, die öfter verwendet werden (Die 100 000 Gesänge Milarepas und die Biographie der Yeshe Tsogyel) werden nicht einmal einer Reflexion für würdig befunden, in wie weit sich die vielbeschworene zweideutige „Dämmersprache“ auf das Verständnis dieser Texte auswirkt. Recht ausgiebig wird dafür Sekundärliteratur zitiert, ohne daß eine Prüfung oder wenigstens eine kritische Betrachtung des dort Vorgefundenen stattfindet.
Nach Campbell soll es ein Unterschied zwischen indischen und tibetischen Tantras geben. Was die buddhistischen Tantras betrifft, ist das aber nicht der Fall, die tibetischen Tantras sind Übersetzungen der indischen (mit der wichtigen, aber nirgends erwähnten Ausnahme der acht großen Yidams der Nyingma-Schule). Alles in allem kann ich mich des Verdachts nicht erwehren, daß Campbell nie einen buddhistischen Text der relevanten Tantra-Klasse gelesen hat, dort würde ja auch Seite für Seite ihrer Theorie von der systematisierten Geringschätzung des Weiblichen widersprochen werden!

Vermengung der verschiedenen Ebenen der buddhistischen Lehren:

Es ist richtig, daß im Sutra-Buddhismus (z.B. Im „Reinen-Land-Sutra) Stellen enthalten sind, welche Frauen diskriminieren. Im Tantra-Buddhismus ist das jedoch nicht der Fall, abgesehen davon, daß die Tantras in weitere Unterklassen mit steigendem Schwierigkeitsgrad differenziert sind. Von diesen Nuancen ist im vorliegenden Werk gar nichts zu spüren. Jede Aussage aus irgendeinem buddhistischen Text wird als Aussage des Buddhismus verstanden, weiters werden die Quellentexte (die Sutras und Tantras) oft mit Aussagen buddhistischer Meister vermischt, die wiederum als Darlegungen des Buddhismus verstanden werden. Buddhismus ist keine Buchreligion mit einem Buch für alle Übenden (über dessen Exegese dann gestritten werden kann), sondern eine für die verschiedensten Arten von Menschen vielfältig ausdifferenzierte Lehre, deren verschiedene Ebenen nicht gegen einander ausgespielt werden können.

Mangel an Verständnis der tantrischen Symbole und Lehren:

Ich will das nur an zwei Beispielen ausführen (10 Beispiele wären ebenfalls möglich).
Erstens:
Ein zentrales Thema des Werks ist die Yab-Yum-Symbolik, also die Darstellungen eines männlichen Buddha sexuell vereinigt mit einem weiblichen Buddha. Campbell sieht darin ein Symbol der Trennung bzw. Dualität. Tatsächlich bedeutet es genau das Gegenteil. Dem Yab werden üblicherweise die Methoden, der Yum die Weisheit der Leerheitserkenntnis zugeordnet. Campbell deutet das ungefähr so, daß die Männer für die Methoden, die Frauen für die Leerheit zuständig sind. Das Gegenteil ist der Fall: Die Vereinigung von Yab und Yum bedeutet, das Methode (aktives Mitgefühl) und Leerheitserkenntnis nie voneinander getrennt waren, daß das eine nie ohne das andere existiert, daß das eine das andere bedingt und umgekehrt. Campbell deutet die Yum als passiv, leer, eben ohne Ich, ohne Autonomie, den Yab hingegen als aktiv, autonom. Wahr ist hingegen, daß weibliche und männliche Übende in der Vereinigung das Gefühl der Getrenntheit des Ich vom restlichen Universum gleicherweise relativieren können. Das ganze Buch hindurch spricht Campbell von einer vorhandenen rein männlichen Linie der Weitergabe der Geheimnisse und einer nicht oder nicht mehr vorhandenen rein weiblichen Linie. Wahr ist aber, daß die sogenannte Weiheits-Bewußheits- Einweihung prinzipiell dem Mann von einer weiblichen Gefährtin gegeben wird und der Frau von einem männlichen Gefährten, entweder durch bloße Visualisation oder durch den wirklichen sexuellen Akt; diese Vereinigung wird in den Yab-Yum-Formen dargestellt, ohne daß hier eine der beiden Richtungen des Energieflußes impliziert wäre.
Zweitens:
Das Mißverständnis der Tulkus als "selbstgeboren":
Bei Padmasambhava stört es Campbell, daß er nicht von einer Mutter, sondern aus einer Lotusblüte geboren ist. Abgesehen vom gleicherweise abwesenden Vater, hat das ganze überhaupt nichts mit der Verdrängung der Mutter zu tun, sondern ist eine symbolische Darstellung der Natur des Geistes, der eben „ungeboren, also ohne Abhängigkeit von Ursachen ist. Nun entwickelt der Text folgende Phantasie: Daß man von verstorbenen großen Meistern die Wiedergeburt, eben den Tulku, gesucht hat, dient nur dazu, eine rein männliche Übertragungslinie zu wahren, in der das weibliche Element absichtlich ausgeschlossen ist.
Nun wird kein Tibeter bestreiten, daß zur Geburt eines Tulku als Mensch ein Vater und eine Mutter erforderlich sind. Ist das Kind einmal als Tulku erkannt, haben in der tibetischen Tradition beide Eltern kaum mehr Einfluß auf das weitere Schicksal des Kindes. In zahlreichen meditativen Übungen werden beide Eltern visualisiert (z.B. bei der täglich erfolgenden Zufluchtnahme), auf einer höheren Übungsebene werden die väterlichen und mütterlichen Bewußtseinsessenzen im Geist präsent gehalten. Es gibt auch der Junge nicht, wie behauptet, seine Identität auf und nimmt die „eines Toten“ an, um die rein männliche Linie zu bewahren.

Wiederholte Schlüsse vom eigenem Erleben auf die tantrische Tradition.

Auch hier ließen sich viele Beispiele anführen, eines davon:
Kalu Rinpoche war Mönch und hatte June Campbell als heimliche Gefährtin. Also haben alle Mönche heimliche Gefährtinnen. Zumindest die Tulkus, Campbell setzt ständig Tulku = Mönch = in Wirklichkeit gar kein Mönch, nur weil es in ihrem Fall so war. Ich persönlich kenne eine ganze Reihe von Lamas, die Tulkus oder keine Tulkus sind, und Gefährtinnen haben und sich nicht als Mönche bezeichnen. In der Nyingma-Schule z.B. haben die Tulkus, von denen es männliche und weibliche gibt, fast immer eine Gefährtin / einen Gefährten, alle wissen davon. Der Gründer der Nyingmas, Padmasambhava, hat wiederholt die Weisheits- Bewußtseins-Einweihung mit Hilfe einer wirklichen Gefährtin / eines wirklichen Gefährten als unabdingbare Bedingung der Erleuchtung genannt (diese Tatsache ist in den entsprechenden Kreisen allgemein bekannt).
Auf der anderen Seite sind die Mönche, die ich kenne, tatsächlich Mönche, ich halte es für eine Beleidigung des Mönchtums sondergleichen, wenn man wie Campbell es tut, dem Publikum einsuggeriert, das makellose Übende wie S.H der Dalai Lama in Wirklichkeit heimliche Gefährtinnen haben könnten. Im übrigen handelt es sich nicht um einen Bruch der Mönchsgelübde, wenn ein Mönch sich eine Gefährtin nimmt, sondern er ersucht seinen Meister, ihn von diesem Gelübde zu entbinden, was üblicherweise auch geschieht. Kalu Rinpoche ist der einzige mir bekannte Fall eines Übenden, der für alle als Mönch gegolten hat, in Wirklichkeit aber keiner war. Campbell ist auch völlig im Irrtum, wenn sie behauptet, daß sich die Geheimhaltung im buddhistischen Tantra hauptsächlich auf das Geheimhalten einer vorhandenen sexuellen Beziehung bezieht. Tantra ist als ganzes eine Geheimlehre, die nur im persönlichen Lehrer-Schüler-Verhältnis offenbart wird, die Geheimnisse sind nicht irgendwelche geheimen Informationen oder geheime Beziehungen, sondern sehr erhabene mit großer Freude verbundene innere Erfahrungen, die schon deswegen geheim bleiben, weil sie oft gar nicht verbal beschrieben werden können. June Campbell scheint dies nicht einmal zu ahnen. Sie kann sich die Lehrer - Schüler - Beziehung scheinbar überhaupt nur als Abhängigkeitsverhältnis vorstellen.
Das ganze Buch enthält noch viele Behauptungen ohne Beleg, Spekulationen im Stil seichter Esoterik-Bücher (z.B. das unbewiesene Gerücht von den angeblich friedliebenden matriarchalen Ackerbaukulturen, die dann vom bösen Patriarchat mit seinen blutigen Opferritualen abgelöst wurden - in Wirklichkeit geht kein antiker Mutterkult von Tanith über Cybele über Astarte bis zu Kali ohne grausame Menschenopfer ab) und zweifelhafte Interpretationen buddhistischer Begriffe. Ingesamt ist es traurig und ärgerlich, es macht mit einem Schlag viel von der Aufklärungsarbeit zunichte, die in den vergangenen Jahren nicht zuletzt durch gute Übersetzungen grundlegender Werke des tibetischen Buddhismus versucht wurde zu leisten. Niemand scheint das zu lesen, geschweige den zu üben, aber die Enthüllungen, die nichts anders als den schlechten Gefühlszustand der Autorin enthüllen, werden wie Offenbarungen verschlungen.