Bereichernde Aktivitäten: Tibetisches Vajrayana und wirtschaftliche Tätigkeit

Meine Überlegungen beziehen sich auf den konkreten Umgang von Yoginis und Yogis des buddhistischen Tantra (= Vajrayana) mit Fragen des Lebensunterhalts und wirtschaftlicher Tätigkeit. Vajrayana (keineswegs deckungsgleich mit tibetischem Buddhismus, wie Shingon, der japanische Vajrayanaweg zeigt, sondern eine ursprünglich indische Entwicklung) ist ein sehr schneller, effizienter Weg, erfordert aber etwa im Vergleich zum Theravada oder Zen einen relativ hohen täglichen Zeitaufwand, noch dazu über viele Jahre hinweg, um verwirklicht zu werden. Anders ausgedrückt, Vajrayana-Praxis ist mit einem in unserer Kultur üblichen 40-Stunden-in-der-Woche-Job nur schwer zu vereinen. 

Geschichtliches 

Um die aktuelle Problematik verständlich zu machen, ist es erforderlich die geschichtliche Entwicklung der ökonomischen Seite des Vajrayana aufzuzeigen. Die indischen Mahasiddhas, die das Vajrayana entwickelt haben, erlangten auf verschiedenste Arten ihren Lebensunterhalt: Der Bettelyogi lebte nur von Spenden, ähnlich wie die umherziehenden Hindu-Asketen und die buddhistischen Mönche und Nonnen des Hinayana. 

Viele Mahasiddhas waren Handwerker, Bauern, Händler, sie übten ihren Beruf weiter aus, sie lebten auch nicht zölibatär. (Vergleichbar den Laienanhängern der Hinayana- und Mahayanagemeinschaft). Manche lebten von den Zuwendungen ihrer Schüler oder vom Ausführen bezahlter Rituale, waren also sozusagen Berufsbuddhisten. Mindestens einer der bekannteren Mahasiddhas war sogar König, der neben seiner Praxis sein Amt weiterhin ausübte. 

Wir erkennen eine große Bandbreite, die in etwa die ökonomische Realität Indiens im ersten Jahrtausend unserer Zeitrechnung spiegelt, eindeutig vorherrschend ist der berufstätige Praktizierende. Diese Kultur hatte für den nicht arbeitenden Bettler, der sich ganz der spirituellen Vervollkommnung widmete, einen festen, großzügig bemessenen, vor allem sozial anerkannten und verehrten Platz. Der prozentuelle Anteil dieser Gruppe an der Gesamtbevölkerung war sehr klein. Der indische Buddhismus wurde durch äußere kriegerische Einwirkungen völlig vernichtet, allerdings waren zu diesem Zeitpunkt die Lehren schon nach China, Japan, Zentralasien exportiert, das Vajrayana konnte sich vor allem in Tibet und im gesamten Himalayaraum (Ladakh, Bhutan, Nepal, Sikkhim) ausbreiten und behaupten. Bei der Übertragung der tantrischen Lehren in diesen Raum blieb in der anfänglichen Phase (ca. 750-1200 n.u.Z.) die Art des Lebensunterhalts sehr ähnlich wie in Indien, obwohl die den nicht-tantrischen Übertragungslinien entstammenden Mönchs- und Nonnenordinationen und die von diesen Praktizierenden aufgebauten Klöster von Anfang an eine gewisse Rolle spielten. 

Die buddhistische Klosterkultur Indiens hatte für das Vajrayana nur geringe Bedeutung, viele Tantriker verließen das Kloster und seine Regeln, wenn sie sich auf den tantrischen Pfad begaben. In Tibet liegt der einmalige Fall vor, das die Lehren der buddhistischen Tantras praktisch die ganze Gesellschaft beherrschen, abgesehen von der Minderheit der Anhänger der Bon-Religion (die sich aber stark, auch ökonomisch, an die buddhistischen Verhältnisse anpaßt). Die Lehren, die zuvor ohne irgend eine Institution von Meister zu Schüler weitergegeben wurden, werden institutionalisiert, es kommt zur Entwicklung der vier Hauptschulen des tibetischen Buddhismus, der Nyingma-, Sakya-, Kagyü- und Gelug-Schulen und den zahlreichen kleineren Nebenlinien dieser Schulen. Am Anfang der Lehrüberlieferung aller dieser Schulen stehen indische Mahasiddhas, dann kommen die einen Übergang darstellenden Schulgründer, später scheint es so, daß die Schule und deren Lehrer nur innerhalb von immer größer werdenden Klöstern existieren. 

Die Nyingmapas nehmen eine gewisse Sonderstellung ein, da ein bedeutender Anteil von Anhängern dieser Schule berufstätig war (häufig als Händler), diese Yogis und Yoginis gibt es auch heute noch, wenn auch ihr zahlenmäßiger Anteil gesunken ist. Viele berühmte Lamas der Schule haben Dharma-Praxis und geschäftliche Tätigkeit ganz selbstverständlich vereint. Die Beherrschung der „weltlichen Angelegenheiten" wird auf jeden Fall in Teilen der Schule als wichtige Komponente der spirituellen Praxis gesehen, nicht als Gegensatz. 

Die Sakya-Linie begann als nicht-zölibatäre Linie, wurde im Laufe der Zeit aber immer stärker monastisch orientiert. 

Am Anfang der Kagyüpas steht eine reine Siddha-Linie (mit Gampopa, der die Vinaya-Überlieferungen der in der Tradition der indischen Bettelmönche stehenden Kadampas in die Kagyü-Lehren eingeführt hat, begann eine stark monastische Orientierung), die Gelugpas waren als Nachfolger der Kadampas vom Anfang an als Gründer von großen Klöstern tätig. 

Die ökonomische Entwicklung der tibetischen Gesellschaft nimmt eine merkwürdige und weltweit einmalige Wende: Ähnlich wie im europäischen Mittelalter werden Klöster nicht nur zu den einzigen Stätten der höheren Bildung, sie saugen auch beträchtliche Teile des umlaufenden Vermögens in Form von Spenden an, die Schatzmeister der großen Klöster vergrößern den Besitzstand ihres Hauses immer mehr, das Kloster nimmt noch mehr Mönche auf, diese benötigen noch mehr Spenden, ein verhängnisvoller Kreislauf beginnt, der jegliche wirtschaftliche und soziale Entwicklung der tibetischen Gesellschaft verhindert hat. Die Äbte der größten Klöster hatten die spirituelle Macht, die politische Macht, den Grundbesitz, die ökonomische Macht! Verschärfend kommt dazu, daß Arbeiten in der tibetischen Tradition nicht Sache der Mönche ist (im Gegensatz zu vielen chinesischen und japanischen Schulen), die Mönche, die um 1900 ein Zehntel (!) der männlichen Bevölkerung stellen, sind dem Prozeß der Wertschöpfung entzogen. (Zum Vergleich: in Österreich würden ähnliche Verhältnisse bedeuten, daß ca. 250 000 erwachsene, arbeitsfähige Männer ihr ganzes Leben lang nichts arbeiten, aber vom Rest der Gesellschaft notdürftig erhalten werden). Es gibt im Gegensatz zur europäischen Reformation und Aufklärung nie eine Gegenbewegung zu diesem ökonomischen Unsinn. Die spirituelle Praxis leidet natürlich auch unter diesen Verhältnissen, das geistige Niveau der Mönche ist größtenteils sehr tief, die Bevölkerung bettelarm und ungebildet, die medizinische Versorgung schlecht, eine traditionelle Ausländerfeindlichkeit der tibetschen Adeligen und Verwalter verhindert die Berührung mit anderen ökonomischen Formen, schließlich kommt es zur menschenverachtenden Zerstörung der tibetischen Kultur durch das chinesische Brutalregime, welches sich als entgegengesetztes Extrem ausschließlich am ökonomischen Fortschritt orientiert. 

Aktuelles im Osten 

Eigenartigerweise gibt es ausgerechnet im vergleichsweise steinreichen Westen Leute, die an der ökonomischen Problematik im Himalayaraum nach dem Prinzip „arm, aber glücklich" nichts auszusetzen haben, manche halten Armut sogar für ein Zeichen von Spiritualität. Für die Betroffenen ist es überhaupt nicht lustig, sie sind auch, nachdem sie die materiellen Vorteile anderer Kulturen kennengelernt haben, nicht mehr bereit, sich passiv in ihr Schicksal zu fügen. 

Die buddhistischen Lehren sprechen sich für die wirtschaftliche Entwicklung der ganzen Gesellschaft aus, manche Lehren betonen die Armut des einzelnen Übenden, damit er seine Anhaftung an vergängliche materielle Güter verliert, nie aber wird in der Armut der Gesellschaft irgendein Verdienst gesehen. Nach den Aussagen des Buddha Shakyamuni gehört es sogar zu den Pflichten der Herrschenden, keine Armut aufkommen zu lassen (vgl. V. Zotz, Geschichte der buddhistischen Philosophie, S.54). Was nun die Verhältnisse der zwangsweise exilierten tibetischen Meister betrifft, so lassen sich zwei Gruppen unterscheiden. 

Die erste Gruppe hat klar das Ausmaß der ökonomischen und geistigen Fehlentwicklung der tibetischen buddhistischen Gemeinschaft erkannt. Zu dieser Gruppe zählen unter anderem für die Gelugpas seine Heiligkeit, der Dalai Lama, und das gewählte Oberhaupt der Nyingmapas, S.H. Penor Rinpoche, der als Vorsteher des größten Klosters der Schule der monastischen Strömung zuzurechnen ist. Diese und viele andere Lamas vertreten, abgesehen von ihren Aktivitäten im Westen, im Osten doch eine Linie des Wiederaufbaus von Klöstern, achten aber auf eine strenge und hochstehende Ausbildung der Mönche und Nonnen genauso wie auf eine Einbeziehung westlichen Gedankenguts und westlicher Technologie, soweit es dem Fortschritt der Gemeinschaft angemessen erscheint. Einen interessanten Sonderfall stellt das von den Umwälzungen in Tibet unberührte Bhutan dar, dessen König zur ökonomischen Gesundung seines kleinen, rein buddhistischen Reichs, langsam und strikt kontrolliert, immer mehr westlichen Geist hereinläßt. Die zweite Gruppe hat leider nichts aus den Ereignissen gelernt. Ich kenne etliche Fälle von Lamas, die im Westen durch das Geben von Einweihungen und Belehrungen, manchmal ohne Rücksicht auf die tatsächliche Kapazität der Schüler, zu westlichen Spendengeldern in manchmal beträchtlicher Höhe kommen. Damit wird dann gewirtschaftet wie eh und je. Mir sind Klöster bekannt, deren Mönche am Tag zwei Rituale rezitieren, der Rest der Zeit wird mit Kartenspielen und Videoschauen verbracht. Klöster sind wieder das geworden, was sie schon in Tibet waren: eine einfache Möglichkeit, zu einer warmen Mahlzeit zu kommen. Nach dem tibetischen Verwandtschaftsverständnis läßt der Inhaber eines solchen Postens natürlich Bruder, Neffen und Onkel nachkommen, wenn das möglich ist. Das reichlich fließende westliche Geld wird regelrecht vernichtet, zumal im Westen viele Menschen ihr stark belastetes Gewissen durch Spenden für „spirituelle Zwecke" entlasten möchten. Ich spreche mich nicht gegen Geldspenden für soziale Zwecke, Entwicklungshilfe und medizinische Versorgung (etwa der oft aus chinesischen Folterlagern entkommenen Flüchtlinge), schon gar nicht gegen Spenden an buddhistische Meister aus, aber man muß wirklich genau sehen können, was mit dem Geld passiert, um nicht unerquickliche Erscheinungen zu fördern. 

Aktuelles im Westen 

Im übrigen sehe ich nicht ein, warum Spenden für Dharmazwecke von westlichen Spendern nicht den westlichen Praktizierenden zur Verfügung stehen sollten, die Übertragung der tantrischen Lehren steckt im Westen trotz scheinbar großer Zahlen von Übenden in den Kinderschuhen, was man auch daraus ersehen kann, daß es nach dreißig Jahren Vajrayana in Europa und USA keine zehn Europäer und Amerikaner gibt, die diese Lehren völlig gemeistert und verwirklicht haben. Die vielfältigen Gründe dafür können an dieser Stelle nicht besprochen werden, kein Grund ist die angebliche spirituelle Unfähigkeit unsererseits oder das „schlechte Karma". Einer der vielen Gründe liegt sicher im noch immer nicht an unsere Verhältnisse angepaßten Lehrstil vieler tibetischer Meister, insbesondere was den Lebensunterhalt betrifft. 

Im Westen ist es nicht oder nur sehr schwer möglich, nur von Spenden zu leben, schon allein weil die Kosten für den Lebensunterhalt viel höher sind. Wenn es wahr ist, was manche Lamas behaupten, nämlich das zur Erlangung der höheren Weihen des Vajrayana ein Drei-Jahres- Retreat erforderlich ist, wird es niemals zu einer Integration der Lehren in die westliche Kultur kommen. Welcher berufstätige Mensch kann sich eine dreijährige Berufspause leisten? Abgehen davon ist es nicht wahr, daß diese drei Jahre notwendigerweise zum geforderten Niveau führen. Buddhist sein ist kein Beruf, sondern eine mit jedem Beruf vereinbare Praxis, solange dieser Beruf mit den sittlichen Regeln des Mahayana vereinbar ist, die vorher erwähnten Mahasiddhas sprechen eine deutliche Sprache. Die Praxis der Tantras ist kein den Tag ausfüllender Selbstzweck, um ihren Fortbestand zu sichern, müssen Möglichkeiten gefunden werden, die Praxis in das durchschnittliche ökonomische und soziale Leben des Europäers einzufügen. Sogar Könige, die sicher nur wenig Zeit zum meditativen Rückzug hatten, haben die Tantras verwirklicht, warum sollten wir, deren Arbeitszeit sich immer mehr auf 30 Stunden pro Woche zubewegt, dazu nicht in der Lage sein? Vajrayana ist nur für Leute mit sehr scharfem Geist und großem Mitgefühl geeignet, heißt es in den Texten, jemand mit einem Beruf mit hohen intellektuellen oder emotionellen Voraussetzungen (helfende Berufe) bringt daher schon einiges mit. Durch die Praxis wird man im gewählten Beruf auch Fortschritte erzielen, durch die erzielten Fortschritte wird man die Möglichkeit haben, die Früchte der Praxis in Kreise einzubringen, die sonst nie in Berührung mit den subtilen Energien des Vajrayana kämen. Ich halte nicht viel vom derzeit modischen Promi-Buddhismus, weil meist nicht viel Tiefe dahintersteckt, aber es ist ein Schritt in die richtige Richtung. Vajrayana ist im Westen dann integriert, wenn Manager, Politiker, Wissenschaftler, Künstler nicht nur üben, sondern auch Dharma leben und lehren, genau an dem Platz, wo sie sich befinden, und alle das ganz selbstverständlich finden. Klein - Tibets in den englischen, französischen oder amerikanischen Bergen, wie sie heute geplant oder schon ausgeführt sind, dienen wiederum nur den Interessen der dort Lebenden und nicht der geistigen Weiterentwicklung der Gesellschaft. Um Vajrayana zu üben, braucht man kein Kloster sondern einen guten Lehrer und Zeit. Geld braucht man, um Übersetzungen und Lehrer zu finanzieren und damit man Zeit hat! 

Bereichernde Aktivitäten 

Die buddhistischen Tantras kennen die Riten der sogenannten vier Buddhaaktivitäten: Beruhigend, bereichernd, faszinierend, zerstörend, diese werden mit den Farben weiß, gelb, rot und schwarz assoziiert. Die gelbe, bereichernde Aktivität ist mit dem gelben Dhyani-Buddha Ratnasambhava verbunden, der die Geste des Gebens (zum Boden weisende, offen nach vorn gerichtete Handfläche) macht, und mit den Gottheiten des Reichtums wie Vaisravana oder Jambhala,die im Rang von Schützern der Lehren -Dharmapalas- stehen. Auf der Sutra-Ebene muß der Aspirant die transzendente Tugend des Gebens (Dana-Paramaita) verwirklichen und wird so selbst zu einem Träger der bereichernden Aktivität, würdig die Hilfe der Reichtumsgottheiten jenen zugute kommen zu lassen, die sie brauchen. Diese Kräfte dienen keineswegs dazu - wie vielfach geglaubt wird - den Spendenfluß eines Klosters zu sichern, sondern heben die Qualifikationen des Übenden in Bezug auf „weltliches Wissen", das heißt modern ausgedrückt, die Produktivität, die pro Arbeitsstunde erlangte Wertschöpfung. Ein genügsamer Mensch im Westen, der pro Arbeitsstunde einen hohen Stundensatz hat, muß nicht sehr viel arbeiten, hat viel Zeit zum Üben, kann auf seinem Platz viel mehr positiven Einfluß auf seine Umgebung ausüben als aus einer Klostersituation heraus. 

Geben bezieht sich nicht nur auf das Geben materieller Güter, es bedeutet auch das Geben der vom Leid befreienden Lehren und das Selbstopfer des Bodhisattva zum Wohle der anderen. 

Mögen die Yogis und Yoginis der geheimen 
Tantras ihre Gelübde wahren! 
Mögen die eidgebundenen Schützer ihre 
subtilen Aktivitäten ausführen! 
Mögen alle fühlenden Wesen erlangen, 
was sie wünschen!