Die unübertreffliche Askese

Wenn ein Yogi die höchste Methode der Buddhas verwirklicht hat,
Bleibt er unbefleckt - wie ein Lotus, der makellos aus einem Sumpf erwächst -
Und doch gibt er sich beständig den fünf Leidenschaften und Sinnesgenüssen hin:
Dies ist die höchste Form der Disziplin.

Padmasambhava, aus "Geheime Anweisung in einem Kranz der Sichtweisen",
Quelle: Keith Dowmann, Der Flug des Garuda, Theseus Verlag, Seite 200.


Kommentar

Allgemein:
Padmasambhava gilt in im tibetischen Buddhismus als der zweite Buddha nach Buddha Shakyamuni. Er lehrte hauptsächlich mündlich, es gibt nur wenige Texte unmittelbar aus seiner Hand. Der vorliegende Text stellt die aufeinander folgenden Sichtweisen dar: Sutra, äußeres Tantra, inneres Tantra, Dsog Chen (Große Vollkommenheit). Das Zitat (Padmasambhava entnimmt es einem noch älteren Dsog Chen Text) bezieht sich auf die höchste und letzte Stufe, Dsog Chen.

Zeile für Zeile:
Unter Yogi in diesem Zusammenhang wird eine Person verstanden welche
  1. Einweihung, Ermächtigung und persönliche Instruktion von einem Dsog Chen Meister erhalten hat.
  2. sich in den vorbereitenden Pfaden über einen längeren Zeitraum geschult hat. In der Praxis erfordert das meist längere meditative Zurückgezogenheiten. Nicht unbedingt ein Dreijahresretreat, aber Perioden einpunktiger Konzentration.
  3. die für die Dsog Chen Praxis erforderlichen Voraussetzungen mitbringt. Die bloße Anwesenheit bei entsprechenden Belehrungen ist nicht ausreichend.
Das Zitat sagt, "Wenn ... verwirklicht hat", es ist offensichtlich nicht so gemeint, dass es für jeden Dharmapraktizierenden gilt. Der Lotus, ein wesentliches Symbol im Vajrayana, steht für die Sichtweise, welche alle Phänomene als rein von Anbeginn erkennt. Es handelt sich nicht um eine Reinheit, die als Gegenteil von Unreinheit durch irgend eine Art von Reinigung erzeugt werden kann. Die fünf Leidenschaften sind Hass, Gier, Ich-Anhaftung, Stolz und Eifersucht. Die (fünf) Sinnesgenüsse sind alles, was wir durch Sehen, Hören, Riechen, Schmecken und Berühren erleben können. An anderer Stelle des Textes (S. 196) sagt Padmasambhava: "In dieser universellen Gleichheit gibt es keine Parteilichkeit, keine Beurteilung, keine Vorlieben für dieses oder jenes. Es geht nicht mehr darum, einige Dinge zu entwickeln oder in ihnen zu schwelgen und anderen Dingen zu entsagen oder sie abzulehnen."
Es ist in diesem Sinn nicht so einfach, sich beständig den fünf Leidenschaften und Sinnesgenüssen hinzugeben, sondern es erfordert einen Geist, der frei von Ablehnen und Anhaften ist. Diese Form von Disziplin ist die höchste, die sittlichen Regeln des Sutrasystems und andere Gelübde sind leichter zu halten.

Wer meint, diese Zeilen geben einen Freibrief für beliebiges Verhalten, welches dann als Dsog Chen bezeichnet wird, begeht einen schweren Fehler.