Kanäle, Winde und Tropfen


Das Innenleben der tantrischen Buddhaformen


Die Bilder zu diesem Artikel stammen alle aus einem kürzlich erschienem Bildband: "Der geheime Tempel von Tibet." [1] Das Buch zeigt Abbildungen von den Wänden des Lukhang, ein sehr spezieller kleiner Tempel inmitten eines Sees, in Sichtweite vom Potala-Palast gelegen. Dieser Palast wurde auf Anweisung des fünften Dalai Lama erbaut, er ist das mächtigste Gebäude in Lhasa, der Hauptstadt von Zentral-Tibet. Der fast unscheinbare Lukhang wurde erst während der Zeit des sechsten Dalai Lama (etwa um 1700) vollendet, die darin abgebildeten Inhalte gehen aber auf den fünften Dalai Lama zurück. Was ist nun das Besondere an diesen Bildern?

Wir kennen alle die Bilder der tibetischen Ikonografie sehr gut, Buddhas in verschiedenen Farben, tanzende vielarmige, vielgesichtige Yidam-Gottheiten, verführerische Dakinis, schreckerregende Schützer der Lehren. Die Wände im Lukhang zeigen ein wenig von dieser bekannten Bildwelt, sie zeigen aber noch etwas anderes: Wild aussehende Yogis mit langen Haaren machen merkwürdige Verrenkungen und Bewegungen, die so gar nicht den Stellungen aus den Hatha-Yoga-Büchern ähnlich sehen. Im Inneren ihrer Körper sieht man seltsame rote Linien oder Flammen oder innere Organe, im Körper oder in der Nähe gibt es bunte Lichtkugeln , zwischen den Gestalten erscheinen Sanskritsilben und abstrakte Formen wie zum Beispiel Gitter. Derartige Darstellungen sind im ganzen Himalayaraum nur sehr selten in Tempeln zu sehen (eher in Form kleiner Kärtchen, Tsaglis genannt, die bei den entsprechenden Einweihungen gezeigt werden), das vorliegende Buch ist das erste im Westen zugängliche Werk, welches solche Bilder zeigt.

Was bedeuten nun diese Bilder? Sie stellen nicht mehr und nicht weniger dar als die eigentlichen zentralen Übungen des tantrischen Buddhismus. Die Ostwand zeigt Meister dieses Kerns der Überlieferungen, die Mahasiddhas und die Hauptschüler von Padmasambhava. [3] Die Westwand zeigt Bewegungs- und Energieübungen, die zu den Lehren von der großen Vollkommenheit (Dsog Chen) gehören. Der fünfte Dalai Lama , wie alle Dalai Lamas der Gelug-Schule zugehörig, hatte Nyingma-Meister, die ihm diese Lehren übermittelten, er brachte es darin zu bedeutender Meisterschaft. Orte wie der Lukhang beweisen ganz klar, dass alle bedeutenden Meister, natürlich auch jene unserer Zeit, nie ein Problem damit hatten, Lehrern verschiedener Überlieferungslinien zu üben.

Auf der Nordwand des Lukhang werden jene Lehren illustriert, die das Hauptthema dieses Artikels bilden: die so genannte Vollendungsphase (Dsogrim) der tantrischen Meditation.


Dsogrim

Die buddhistische tantrische Hauptpraxis besteht aus zwei Phasen: Die Übende wählt einen bestimmten Buddhaaspekt als "Yidam", das heißt als Meditationsgottheit. Diese Form kann friedvoll oder zornvoll, männlich, weiblich oder Yab-Yum (in sexueller Vereinigung sein). Durch Ausführung des Praxistextes (Sadhana), möglichst lebendige Visualisation der Gottheit und ausgedehnte Rezitation des Mantras erschafft die Übende ihre eigene Form neu als die Form der Gottheit. Diese Phase wird Erzeugungsphase (tib. Kyerim) genannt. Sie läuft notgedrungen bei jeder Gottheit anders ab. Merkwürdigerweise ist es im Westen weit verbreitet, nur die Erzeugungsphase zu üben, unter Umständen auch je nach vermeintlichem Bedarf zwischen verschiedenen Gottheiten zu wechseln , von Einweihung zu Einweihung zu gehen, und mal dieses, mal jenes zu üben. Das ist nicht Sinn der Sache, vielmehr soll man sich für eine einzige Übung entscheiden, mit dieser dann aber auch in die zweite Phase, die Vollendungsphase (Dsogrim) gehen. Diese Phase besteht wieder aus zwei Teilen: der zweite Teil, sozusagen die Vollendung der Vollendung (in den Saskya-, Kagyu- und Gelug-Schulen Mahamudra genannt, bei den Nyingmas heißt sie Dsog Chen) gehört nicht hierher - dieser Teil hat im übrigen keine Buddhaform als Meditationsobjekt, genau genommen überhaupt kein Objekt. Der erste Teil besteht aus einem großen Konvolut von Lehren, die folgendes zum Gegenstand haben:


"Kanäle, Winde und Tropfen", die Sanskrit-Ausdrücke dafür sind Nadi, Prana und Bindu, tibetisch heißt es Tsa, Lung und Thigle.


Die letzen drei Wörter bilden den Code, unter welchem diese Lehren im tantrischen Buddhismus zusammengefasst werden. Diese Lehren werden nur an geeignete Schülerinnen von Mund zu Ohr übertragen. Es kommt zwar manchmal - ingesamt nicht sehr häufig - vor, das Meister dieser Lehren sich öffentlich dazu äußern, dass ändert aber nichts daran, dass Schülerinnen, die Tsa-Lung-Thigle-Praxis ausführen wollen, individuelle Betreuung unter vier Augen benötigen, wenn sie wirklich in diese Lehren eindringen wollen. Damit ist die Übertragung bei jedermann zugänglichen Veranstaltungen von vornherein ausgeschlossen.


Was ist nun der Inhalt dieser Tsa-Lung-Thigle Lehren? Der Mensch besitzt neben dem physischen Körper auch einen feinstofflichen, ätherischen, oft Licht- oder Astralkörper genannten Körper. Dieser hat seine eigenen Organe oder energetische Zentren, seine eigenen Nerven, aber auch eigene Krankheiten und Störungen. Die energetischen Zentren sind im Westen mittlerweile unter dem Namen Chakras wohl bekannt, jeder Mensch, der kommerziell gesehen zum Marktsegment "Esoterik-Interessiert" (Zwanzig Prozent der Bevölkerung!) gehört, hat schon mal etwas von Chakras gehört. Der weitaus überwiegende Teil der Bücher und des Seminarmarktes zu diesen Themen, die Stichworte lauten Chakras, Kundalini, Tantra, bietet sehr zweifelhafte Informationen, teilweise sogar gefährlichen Unsinn. Bezüglich des feinstofflichen Körpers bzw. der Chakras gibt es zwei aus Indien stammende Lehren, beide werden bis zum heutigen Tag strikt geheim gehalten und nur mündlich von Mund zu Ohr an geeignete und besonders vorbereitete Personen in einem durchdachten und langjährigen Prozess weitergegeben: Das dem esoterischem Hinduismus zuzurechnende Kundalini-Yoga und die Tsa-Lung-Thigle Lehren des tantrischen Buddhismus. Letztere wurden von indischen Meistern, die berühmtesten unter ihnen waren Padmasambhava und Naropa, an tibetische Schüler weitergegeben. Wie verborgen die Angelegenheit in Kreisen des tibetischen Buddhismus ist, kann man daran ersehen, dass es selbst innerhalb dieser Kreise nur schwer möglich ist, jemanden zu finden, der diese Lehren wirklich übt oder lehrt. Die Idee, dass jedermann diese Dinge aus Büchern oder bei ein paar "Workshops" lernen kann, beruht auf der Unwissenheit der Schreibenden/Lehrenden, die es wieder von ähnlich gearteten Personen haben - auch Verwirrung kann mit hübschen Fähnchen versehen (am zugkräftigsten immer noch "Tantra") gegen gutes Geld übertragen werden.

Tsa oder Nadi sind die "Kanäle", feinstoffliche Energiebahnen, die durch den Körper verlaufen, einige Punkte, wo besonders viele dieser Bahnen sich kreuzen, werden Chakras genannt. Wörtlich heißt Chakra Rad. Etwa einen Fingerbreit vor der Wirbelsäule verläuft der Zentralkanal, an diesem entlang sind in verschiedenen Höhen die Chakras angeordnet, der Zentralkanal bildet die Achse der Räder. Lung oder Prana heißt wörtlich Wind, hat aber nicht nur mit der Energie des Atems zu tun, sondern ist ein Oberbegriff für verschiedene Arten von Energien, die sich in dem System der Energiebahnen bewegen. Thigle oder Bindu heißt Tropfen, diese werden von den Winden durch die Kanäle transportiert. Das gesamte System kann sechs prinzipielle Zustände annehmen: In dem aktuellen Körper das Wachbewußtsein, Traumbewußtsein und das traumlose Tiefschlafbewußtsein,

im Zwischenzustand (Bardo) zwischen Todeszeitpunkt und nächster Inkarnation die drei Phasen die im "tibetischen Totenbuch" beschrieben werden: Klares Urlicht, Erscheinen der Gottheiten, Suche nach dem Ort der Wiedergeburt. Dieses sechs Zustände weisen nun unzählige Variationen und Übergänge auf, welche alle durch die Abläufe im Energiesystem zustande kommen.

Die Übende der Tsa-Lung-Thigle Lehren lernt nicht weniger, als alle Vorgänge im Energiesystem bewusst zu steuern. Diese Methoden funktionieren, wie jeder bestätigen kann, der sie aus eigener Anschauung kennt, sie führen zur Entfaltung höher Bewußtseinskräfte (Siddhis), letztlich zur Erlangung der Buddhaschaft.

Ein klassischer Text, der diese Lehren behandelt, sind die so genannten "Sechs Yogas von Naropa"

[5, 6]. Die sechs Yogas sind:


1. Yoga des inneren Feuers (Tumo)

2. Yoga des Illusionskörpers

3. Traum-Yoga

4. Yoga des klaren Lichts

5. Yoga des Zwischenzustands (Bardo)

6. Yoga der Übertragung des Bewusstseins (Phowa)


Der Schlüssel zu allen Übungen und Erfahrungen liegt in Punkt Eins, der Tumo-Praxis. Durch Atem- und Visualisationsübungen wird das innere Feuer erweckt. Dadurch entsteht letztlich eine Erfahrung, die sehr schön mit "Wonne und Leerheit vereinigt" umschrieben wird. Es handelt sich um einen äußerst freudvollen und gleichzeitig ruhigen Energiezustand, der den ganzen Körper durchdringt, während dessen aber die Sichtweise "Leerheit von unabhängiger Eigenexistenz" aufrechterhalten wird. Zu den mit der Tumo-Übung verbundenen Praktiken gehört auch die Karma-Mudra-Praxis, das ist die Methode der Erweckung des inneren Feuers durch sexuelle Vereinigung.

Tumo sollte nicht mit "sexueller Energie" gleichgesetzt werden (ebenso wenig wie die Kundalini, manche Leute bezeichnen es heutzutage schon als Aufsteigen der Kundalini, wenn sie sexuell erregt werden). Vielmehr ist die sexuelle Vereinigung für die geübte Yogini ein weiteres Mittel, das innere Feuer zu erwecken, selbstverständlich funktioniert dass ganze nur, wenn die Tumo-Übungen ohne Verwendung dieses Mittels längere Zeit ausgeführt wurden. Näheres hierzu in [2, 4].

Weiters gehören zum Tumo auch Körperübungen, genau diese werden auf der Nordwand des Lhukang abgebildet und sind durch die kürzliche Publikation erstmals im Westen betrachtbar.

Dass solche Übungen existieren, ist für Westler oft sehr überraschend, sieht man doch nie jemanden solche Übungen ausführen, selbst wenn man von Kloster zu Kloster pilgert.

Die Geheimhaltung dieser Lehren hat nichts mit der Geheimhaltung von Informationen zu tun (etliche Texte zu den Themen sind im Westen frei erhältlich), sondern beruht auf der Tatsache, das der Fortschritt in die Übungen von einer Person überwacht werden muss, die es selbst sehr weit damit gebracht hat. Der eigentliche Vorgang ist völlig individuell und unmöglich mit einem druckbaren Rezept zu beschreiben.

Nur eine mehrjährige Praxiserfahrung in den Tumo-Übungen ermöglicht die Praxis von Punkt Sechs, Phowa. Dabei handelt es sich (unter anderem) darum, das eigene Bewusstsein unmittelbar nach dem Todeszeitpunkt in einen gewählten Bereich zu übertragen.

Das Phowa abgetrennt von den sechs Yogas an völlig unvorbereitete Personen weiterzugeben, ist genau auf dem gleichen Niveau angesiedelt, wie die oben erwähnte Chakra-Esoterik. Solange die wirklichen Lehren erhalten bleiben, spielen diese Zeiterscheinungen aber keine Rolle.



Bibliografie:

[1] Ian A.Baker/ Thomas Laird: Der geheime Tempel von Tibet, Bucher Verlag

[2] H. Poller: Sexuelle Praxis im buddh. Tantra, www.vajranet.org/ny_poller.html

[3] H. Poller: Mahasiddhas - Jenseits der Konvention (in U&W 27)

[4] M. Shaw: Erleuchtung durch Ekstase - Frauen im tantrischen Buddhismus, Krüger Verlag

[5] Tsongkhapa's Six Yogas of Naropa (Transl. Glenn Mullin), Snow Lion

[6] Garma C.C. Chang: The Six Yogas of Naropa & Teachings on Mahamudra (out of print)