Sexuelle Praxis im buddhistischen Tantra

Grundlegende Definitionen

Buddhistisches Tantra
Die buddhistischen Lehren gehören zwei verschiedenen Klassen an: Sutra oder Tantra. Die Sutraklasse besteht aus den Lehren des Hinayana und des Mahayana. Völlig innerhalb des Mahayana befindet sich die Tantraklasse, meist Vajrayana genannt. Das Ziel im Mahayana ist die Erlangung der Buddhaschaft zum Wohle aller Wesen, das Vajrayana bietet spezielle, besonders effiziente Methoden zur Erlangung dieses Ziels an. Die Bezeichnungen buddhistisches Tantra und Vajrayana benennen eigentlich den gleichen Gegenstand, ich bevorzuge jedoch von buddhistischem Tantra zu sprechen, da im Westen Vajrayana sehr häufig fälschlicherweise mit tibetischem Buddhismus gleichgesetzt wird. Buddhistisches Tantra ist eine Geheimlehre, die per defintionem zur Erlangung der Buddhaschaft in einem einzigen Leben führt. Sie wird von einem Meister / einer Meisterin , welche(r) das Ziel der Buddhaschaft erreicht hat, im Geheimen an besonders ausgewählte Schüler / Schülerinnen weitergegeben, welche ihrerseits nach der Erlangung des Ziels die Lehre weitergeben. Auf diese Art werden die sogenannten Übertragungslinien gebildet. Da es viele verschiedene Praxismethoden gibt, gibt es viele solcher Linien, diese decken sich keineswegs mit den Schulen des tibetischen Buddhismus. Tantra bedeutet wörtlich Kontinuum ( Wortstamm weben, Gewebe ), womit der Aspekt der kontinuierlichen Übertragung und Ausbreitung der Buddhaenergie über große zeitliche und örtliche Entfernungen hinweg ausgedrückt wird. Die tantrischen Methoden sind extrem flexibel, das heißt, die Tantriker können die Methoden an jede Zeit, jede Kultur, jede Art von Mensch anpassen. Es handelt sich nicht um eine starre Tradition, die ohne Veränderung weitergegeben wird! Die erste große Veränderung erfolgte bei der Übertragung der Tantras nach Tibet: Der aus Kashmir stammende Meister Padmasambhava führte ca. 800 n.u.Z die Tantras in Tibet ein, indem er viele Elemente der schamanisch - magischen Bon - Religion in seine Lehren aufnahm. Da seit einigen Jahrzehnten im Westen eine Rezeption der Tantras stattfindet, liegt es an den im Westen tätigen Haltern der Übertragungslinien (und an den Schülern!) vom Kern der Lehren ausgehend die tantrischen Methoden in Harmonie mit unserer Kultur und Wissenschaft weiterzuentwickeln. Es kann nicht darum gehen, abergläubische naive Vorstellungen und tibetische Folklore unbesehen zu übernehmen.

Inneres Tantra
Tantrische Lehren gehören immer einer bestimmten Stufe oder Klasse an. Je höher die Klasse, desto rascher führt sie zur Verwirklichung der Lehren, wobei gleichzeitig die an die Schüler gestellten Ansprüche auch immer höher werden. Es gibt drei sich nur wenig unterscheidende Klassen, die unter dem Begriff äußeres Tantra zusammengefaßt werden. Die im Westen weit verbreiteten Meditationen über Tara und Chenresig gehören zu den äußeren Tantras. Das innere Tantra ist in der auf Padmasambhava zurückgehenden Nyingmapa- Schule in die Klassen Maha-, Anu- und Ati-yoga geteilt, in den anderen auf andere indische Siddhas zurückgehenden Schulen gibt es eine einzige, Anuttara-Tantra (wörtl. unübertrefflich) genannte Klasse des inneren Tantra. Im folgenden werde ich mit Tantra immer buddhistische, der Klasse des inneren Tantra angehörende Lehren bezeichnen. Manche Lehrer behaupten, daß inneres Tantra nur von sehr, sehr weit fortgeschrittenen Schülern praktiziert werden kann und daß diese mindestens ein Jahr lang ein strenges Retreat (natürlich ohne Sex) mit zwölf Stunden täglicher Praxis einhalten müssen. Merkwürdigerweise steht in den tantrischen Texten, von denen erst sehr wenige zufriedenstellend in westliche Sprachen übersetzt worden sind, genau das Gegenteilige. Im Hevajra-Tantra etwa heißt es, daß der Yogi sich NICHT zurückziehen soll, daß manche schon nach einem Monat Praxis die Verwirklichung erlangen, daß auch Muttermörder und andere Verbrecher mit Hilfe dieser Praxis die Verwirklichung erlangen und so weiter. Ich greife hier nicht irgendein mir passendes Beispiel heraus, die grundlegenden tantrischen Texte, die sogenannten Wurzeltantras, sind voll von solchen Behauptungen. Der Grundtenor lautet: Jede Frau und jeder Mann, die Mut, Intelligenz, Disziplin, Ausdauer im Ertragen von Widerwärtigkeiten und etliche andere nicht übermäßig weit verbreitete Eigenschaften haben, können Tantra praktizieren ohne ihre Lebensumstände grundlegend zu ändern. Eine weitere Schwierigkeit ist es noch, einen wirklich kompetenten Meister / eine Meisterin zu finden.

Karma - Mudra - Praxis
Die tantrischen Gottheiten sind häufig, aber nicht immer, sogenannte Yab-Yum- Formen (wörtl. Vater- Mutter), also männliche Buddhas in leidenschaftlicher sexueller Vereinigung mit weiblichen Buddhas. Obwohl eine symbolische Auffassung dieser Gottheiten als Vereinigung von Methode und Ziel (Upaya und Prajna ) ihre Berechtigung hat, gibt es eine gleichberechtigte Auffassung: Ein Mann und eine Frau visualisieren sich als Gott und Göttin und vereinigen sich miteinander. Dies wird Karmamudra - Praxis genannt und kann sehr rasch zur Erleuchtung führen, wenn gewisse Bedingungen erfüllt sind. Die tantrische Meditation ist in zwei Phasen geteilt. In der Erzeugungsphase (tib. Kyerim) üben sich die Praktizierenden in der präzisen Visualisation der äußeren Form der Gottheit, insbesonders werden dabei die Mantras der Gottheiten etliche hunderttausendmal rezitiert. In der darauf folgenden Vollendungsphase (tib. Dsogrim) wird das innere subtile Energiesystem der Gottheit, also der Zentralkanal und die Chakren aktiviert. Dieser Phase gehört auch die Karmamudra-Praxis an.

Kritische Beurteilung einiger Aussagen über die Karmamudra-Praxis

Es gibt keine Karmamudra - Praxis?
Das ist falsch. In mancher älterer Literatur ist diese Behauptung zu finden. Sie soll dazu dienen, die "moralische Reinheit" des Buddhismus zu untermauern. Nun ist an Sex in jeder Form nichts Unmoralisches zu finden, solange er völlig freiwillig und ohne Ausnutzung einer Abhängigkeit (Chef belästigt Untergebene, Lehrer belästigt Schülerin ... ) stattfindet. Buddha Shakyamuni hat nie etwas anderes behauptet und in den fünf sittlichen Regeln (Panca Sila), denen sich jeder Buddhist bei der Zufluchtnahme unterwirft, wird nichts anderes verlangt. Nur für Mönche und Nonnen gilt das Verbot jeder sexuellen Betätigung. Es wird im übrigen in der ganzen kanonischen Literatur nicht behauptet, daß Nonnen oder Mönche den sogenannten "Laien" überlegen sind oder daß man nur als Nonne oder Mönch zur Erleuchtung gelangen kann. Unter kanonischer Literatur verstehe ich die als Buddhawort (Buddhavacana) geltenden Sutras und Tantras. Daß manche tibetische zölibatär lebende Lamas die Überlegenheit des Mönchdaseins behaupten, ja sogar gegenüber ihren Schülern den mit langen Retreats verbundenen zölibatären Pfad als einzig gangbaren hinstellen, ist bedauerlich. In Wirklichkeit dient das nur dazu, eine künstliche Kaste von westlichen "Geistlichen" zu erzeugen, die hauptsächlich - das war ja auch in Tibet eines der Hauptprobleme - an der Erhaltung ihrer Refugien interessiert ist. Leider kommt diese Darstellung im Westen gut an, da viele Westler den tibetischen Buddhismus für eine Art besseren Katholizismus halten.

Wenn ich keine Partnerin / keinen Partner finde oder haben will, dann lebe ich eben als Mönch oder Nonne?
So eine Auffassung ist nicht nur falsch, sie ist wirklich gefährlich. Erstens wird man nicht zum Mönch oder zur Nonne, indem man auf Sex verzichtet. Es ist dazu erforderlich, sich von einer die entsprechenden Gelübde haltenden Person zum Mönch / zur Nonne ordinieren zu lassen. Ordinierte Mönche und Nonnen müssen sich nicht nur sexuell enthalten, sondern eine große Zahl von Regeln einhalten, die in der Vinaya-Abteilung der kanonischen Literatur zu finden sind. Zweitens ist es für die geistige Gesundheit sehr gefährlich, sozusagen aus der Not eine Tugend zu machen. In der Praxis funktioniert das nie, sondern führt nur zur spirituell verbrämten Pflege einer Sexualneurose. Egal ob jemand Nonne oder Mönch werden will oder die Karmamudra-Praxis ausüben will, zuerst muß jeder Mensch, der spirituelle Erkenntnis oder gar die höchste unübertreffliche Erleuchtung (Anuttarasamyaksambodhi) erlangen will, über einen längeren Zeitraum völlige sexuelle Befriedigung erlebt haben. Der menschliche Körper braucht Nahrung, Wasser, Sonne, Bewegung, Schlaf und Sex. Es ist zwar richtig, daß von diesen Notwendigkeiten aus freier Entscheidung auf den Sex verzichtet werden kann, aber dieser Verzicht soll kein Selbstzweck sein, sondern den spirituellen Weg fördern. Dieser Effekt tritt aber nur ein, wenn man das kennt, worauf man verzichtet. Der historische Buddha war zunächst verheiratet und hatte - wie damals für Prinzen üblich - zusätzlich noch etliche Konkubinen, nach seinen eigenen Worten waren ihm alle Arten von Erotik aus eigener Erfahrung bekannt! Die indische brahmanische Tradition verlangt von jedem Mann und jeder Frau, zu heiraten, Kinder zu bekommen und großzuziehen, bevor ein Rückzug in die der Gotteserkenntnis gewidmeten Askese erlaubt ist. Die jüdische Tradition akzeptiert prinzipiell nur verheiratete Priester. Ich könnte noch eine ganze Menge ähnlicher Beispiele anführen. Weiters ist zu bedenken, das die buddhistischen Mönchs- und Nonnengelübde keine ewigen Gelübde sind wie die katholischen, sondern jederzeit zurückgelegt werden können. Tatsächlich beginnt die Karriere vieler Tantriker mit einer zölibatären Phase, die aber nach einiger Zeit - häufig gegen starken Widerstand der Umgebung - zugunsten der Karmamudrapraxis beendet wird.

Die meisten Lamas sind Mönche?
Das ist eine völlig aus der Luft gegriffene Behauptung. Erstens kommt es natürlich darauf an, wem man den Titel Lama überhaupt zuerkennt. Wenn in der tantrischen Literatur vom Lama (ich fasse den Begriff im folgenden geschlechtsneutral auf ) als höchstem Zufluchtsobjekt die Rede ist, welches die drei Juwelen Buddha, Dharma, Sangha und die drei Wurzeln Guru, Yidam, Dakini umfaßt, so ist damit selbstverständlich eine Person gemeint, die im Sinne des vorher zur Definition des Tantra Gesagten die Buddhaschaft erlangt hat und die ihre notwendigerweise sehr wenigen Schüler zur Buddhaschaft führt. Daß heutzutage jede Person, die ein Dreijahresretreat absolviert hat, sich als Lama titulieren läßt, ist ungefähr so absurd, wie als würde man jedem katholischen Priester als Heiligen im theologischen Sinn betrachten. Mittlerweile gibt es sogar ein paar selbsternannte Lama - Scharlatane, die in Wirklichkeit überhaupt keine Ausbildung haben und die auch von niemandem außer ihren Anhängern als Lamas anerkannt werden. Auf dieses die tantrische Tradition ernsthaft gefährdendes Problem kann ich an dieser Stelle nicht eingehen. Zweitens ist es so, daß es in ausnahmslos jeder Schule des tibetischen Buddhismus Lamas gibt, die keine Mönche sind. In allen tantrischen Schulen werden die inneren Tantras praktiziert. Eine bestimmte Einweihung in die inneren Tantras, die Weisheits-Bewußtseinseinweihung (Prajna-abisheka) ist immer mit einer Gefährtin / einem Gefährten verbunden. Dabei ist es in den Sakya-, Kagyü- und Gelug- Schulen den Praktizierenden freigestellt, sich eine Gefährtin / einen Gefährten zu nehmen oder sich mit einer imaginierten Gefährtin / einem Gefährten zu begnügen (das heißt dann Jnanamudra). In der Nyingma - Schule ist es üblich, sich auf dieser Stufe eine Gefährtin / einen Gefährten zu nehmen (Karmamudra). Das bedeutet, es gibt überhaupt nur wenige Nyingma - Lamas, die ihr ganzes Leben als Mönch verbracht haben. Padmasambhava sagt: "Ohne Karmamudra keine Mahamudra." Mahamudra - Erlangung ist synonym mit der Verwirklichung der Erleuchtung. Sehr häufig werden Lamas für Mönche gehalten, obwohl sie gar keine sind. Viele westliche Schüler glauben automatisch, daß es sich um einen Mönch handelt, wenn sie einen Tibeter in dunkelroten Roben sehen. Den Status ob Mönch oder Nicht-Mönch kann man entgegen den Aussagen mancher Lehrer nicht an äußeren Merkmalen erkennen.

Karmamudra - Praxis dient nur den Männern?
Diese Problematik zerfällt in zwei voneinander unabhängige Teile: Erstens : In der meist von nicht praktizierenden Gelehrten verfaßten Sekundärliteratur werden die beteiligten Frauen oft eindeutig als irgendwie untergeordnet apostrophiert, manchmal ist sogar davon die Rede, daß die männlichen Tantriker Frauen zum Zwecke der eigenen Erleuchtung benutzen. Diese Behauptung ist schlicht und einfach falsch. Wahr ist vielmehr, daß es zu den tantrischen Gelübden gehört, Frauen auf keinen Fall zu diskriminieren. Wahr ist, daß die Wurzeltantras, also die Primärliteratur, aus der alle Tantriker schöpfen, stets von hingebungsvoller Verehrung als einziger Art sprechen, mit der der männliche Tantriker Frauen zu begegnen hat, und zwar unterschiedslos allen Frauen! Es gibt ein kürzlich in deutsch erschienenes Buch von der amerikanischen Tantrikerin Miranda Shaw (siehe Lit.-angaben), in dieser Arbeit wird anhand von vielen Zitaten aus den Tantras gezeigt, daß Frauen in der tantrischen Partnerschaft als gleichberechtigt behandelt werden, daß es viele weibliche Gurus gab, daß etliche tantrische Texte von Frauen verfaßt wurden und viele weitere wenig bekannte Fakten. Am Ende dieses empfehlenswerten Werks wird auch die Karmamudra-Praxis selbst beschrieben. Ich möchte ausdrücklich feststellen: Karmamudra führt, wenn korrekt ausgeführt, zur Erlangung des Resultats der Tantras für Mann und Frau gleicherweise.
Zweitens: Ein aktuelles Problem bilden die immer häufiger werdenden Beziehungen männlicher, meist tibetischer Lamas mit westlichen Frauen. Viele Lamas sind aufgrund ihrer nach unseren Maßstäben einseitigen Erziehung weder in der Lage noch willens, eine Frau als gleichwertigen Partner zu behandeln. Das führt zu einer ganzen Reihe von Problemen. Gegen gewöhnlichen Sex ist überhaupt nichts einzuwenden, aber die Erotik zwischen einer westlichen Frau und einem tibetischen Lama ist noch lange keine Karmamudra! Zu diesem Zweck müssen BEIDE Partner gewisse nicht leicht zu erbringende Qualifikationen aufweisen. Das verschweigen manche Lamas und tun so, als würde sich die Frau den Weg zur Erleuchtung erleichtern, indem sie mit dem Lama schläft. So ein Verhalten stellt einen Bruch der tantrischen Gelübde dar und wirkt auf die Frauen, die die Angelegenheit natürlich nach einer gewissen Zeit durchschauen, ausgesprochen desillusionierend. Frauen, die sich mit Lamas einlassen, sollten von Anfang an folgende Dinge klarstellen: - Klärung, ob von beiden nur Sex gewünscht wird (wogegen wie gesagt kein Einwand besteht ) oder ob beide eine Karmamudrapraxis ausführen wollen. - Klärung, ob eine partnerschaftliche Beziehung oder nur eine vorübergehende Begegnung angestrebt wird. Wünscht der Lama eine längere Beziehung, so sollte die Frau mit einer Verheimlichung dieser Beziehung vor der Öffentlichkeit nicht einverstanden sein. Zusammengefaßt läßt sich sagen: Korrekte Karmamudra- Praxis inkludiert völlige Gleichberechtigung zwischen Männern und Frauen. Falsche Ausführung läuft tatsächlich auf ein Benutzen der Frauen durch die Männer hinaus und sollte unbedingt vermieden werden. Der umgekehrte und genauso denkbare Fall des Benutzens eines Mannes durch einen weiblichen Lama kommt kaum vor, es gibt aber kaum weibliche Lamas - womit ich beim nächsten Problem bin:

Frauen werden in den buddhistischen orientierten Kulturen in Tibet, Indien und den Himalayaländern systematisch durch ein jahrtausendaltes Patriarchat unterdrückt?
Das muß ich bedauerlicherweise vollinhaltlich bestätigen. Aus diesem und nur aus diesem Grund gibt es auch fast keine weiblichen Lamas. Die diesbezügliche Lage ist allerdings schwer einzuschätzen, da die wirklich hervorragenden Lamas gleich ob männlich oder weiblich wenig öffentlich bekannt sind - abgesehen von der in jeder Beziehung makellosen Ausnahme seiner Heiligkeit des Dalai Lama und einigen führenden Exponenten aller Schulen. Nach meinem Eindruck legen sich die tibetischen Schulen ähnlich wie oberste Gerichtshöfe und Banken eine leitende Alibifrau zu, während hinter den Kulissen alles beim alten bleibt. Wie ich vorher schon ausgeführt habe, geht es aber im Westen nicht darum, tibetischen Buddhismus inklusive der Prolongation zahlreicher tibetischer Übel zu betreiben. Sondern es geht darum, das ursprüngliche Tantra an die westlichen Verhältnisse anzupassen und dementsprechend weiter zu entwickeln. Das ursprüngliche buddhistische Tantra ist aber ausgesprochen frauenfreundlich, es bestehen auch wissenschaftlich einwandfrei erwiesene Beziehungen zum hinduistisch-tantrischem Shakti-Kult, der den Frauen ausdrücklich die führende, aktive Rolle zuspricht! Der Shakti - Kult wiederum beruht auf der betont matriachalen Religion und Gesellschaft der dravidischen indischen Urbevölkerung, die kulturell und politisch von den später eingewanderten patriarchalischen Ariern unterdrückt wurde. Die Arier haben auch das Kastensystem erfunden, auffälligerweise enthalten tantrische Texte immer wieder den Aufruf, im Kreis der Tantriker alle Kastenunterschiede zu ignorieren. Viele buddhistische Siddhas, wie zum Beispiel der berühmte Virupa, ein Adept des Hevajra-Tantra, stammen aus dieser Urbevölkerung und haben die hingebungsvolle Liebe zu den Frauen gewissermaßen mit der Muttermilch aufgesogen.

Karmamudra-Praxis bedeutet eine Reduktion der erotischen Spielarten?
Das ist nicht wahr. Im Prinzip ist alles erlaubt, was beiden Beteiligten gefällt. Es wird nur alles mit einer gewissen Visualisation verbunden. Die Hauptvisualistion wird im allgemeinen während einer genitalen Vereinigung ausgeführt, da die Enden des Zentralkanals, die an der Penisspitze und am Muttermund liegen, zusammengeschlossen werden. Die Tantras fordern wörtlich als Qualifikation für die Praxis das Vertrautsein mit den 64 Arten der Liebeskunst, womit auf das ins Tibetische übersetzte indische Kamasutra angespielt wird, welches für westliche Verhältnisse nur wenig brauchbar ist. In manchen Kommentaren zu den zehn sittlichen Tugenden (häufig in Ngön Dro-Belehrungen, das sind dem inneren Tantra oft vorangehende vorbereitende Übungen) finden sich stark einschränkende Regeln, wie das Verbot, vor einer Buddhastatue Sex zu haben, das Verbot von Oralsex und ähnliches mehr. Diese nicht-kanonischen Lehren gehören noch einer dualistischen Sichtweise an. Wer möchte, kann dergleichen einhalten, man kann es aber auch ignorieren, da die Sichtweise des inneren Tantra auf dem Aufheben des Unterscheidens zwischen rein und unrein beruht.

Karmamudra-Praxis ist immer mit einer monogamen Partnerbeziehung verbunden?
Das ist eine typische Projektion von anerzogenen Wertvorstellungen. Die monogame Ehe gilt im ganzen Himalayaraum als nichts irgendwie Heiliges. Polygamie und Polyandrie (die Ehe einer Frau mit mehreren Männern) sind weit verbreitet. Es existiert kein buddhistisches Sakrament der Ehe, die Ehe ist auf einen bloßen Ehevertrag ohne spirituelle Bedeutung reduziert. Aus Gründen, die hier nicht erläutert werden können, ist es oft schwierig, aus einer schon bestehenden langjährigen Partnerschaft direkt in die gemeinsame Karmamudrapraxis überzugehen. Die andererseits in der vorher kritisierten Literatur anzutreffende Aussage, das Karmamudra nichts mit einer Beziehung zu tun hat, sondern im Gegenteil auch mit Prostituierten geübt werden kann, ist auch falsch. Tantra fordert ausdrückliche eine starke Beziehungsfähigkeit, alle Schüler und Schülerinnen, die vom selben tantrischen Meister die gleiche Einweihung haben, werden als enge Vajrageschwister bezeichnet und bilden miteinander ein Energiefeld, welches das Mandala der jeweiligen Gottheit verkörpert. Das heißt nicht, das alle Angehörigen eines solchen Kreises kreuz und quer miteinander verkehren, verboten ist es aber auch nicht.

Tantra sieht keine Möglichkeiten für homosexuelle / lesbische Paare vor?
Die tantrischen Texte erwähnen die Existenz von Homosexualität nicht (mir jedenfalls ist keine Stelle bekannt, vielleicht hat jemand Hinweise ). Viele Lamas wissen damit nichts anzufangen und halten sie für eine geistige Störung. Nach den Erkenntnissen westlicher Wissenschaft ist es keine Störung, sondern eine Naturgegebenheit, daß ein bestimmter Prozentsatz der Männer und Frauen eher oder ausschließlich dem eigenen Geschlecht erotisch zugeneigt ist. Da inneres Tantra per definitionem jede menschliche Emotion in ein Mittel, Erleuchtung zu erlangen, zu verwandeln weiß, sehe ich kein Hindernis für homosexuelle Paare, Karmamudra-Praxis zu üben.


Im Westen hat sich in den letzten Jahrzehnten eine Art von Tantra heraus gebildet, welche ich als "Erotisch-Therapeutisches Tantra" bezeichne. In diesem Artikel, der sich mit dem erotischen Teil des originalen buddhistischen Tantra befasst, kann darauf nicht näher eingegangen werden, aber dafür hier: Erotisch-therapeutisches und buddhistisches Tantra - eine besondere Vereinigung

Was muss ich tun, um Karmamudra zu praktizieren?

Das kann ich nur sehr verkürzt hier beantworten, es gibt viele Details, die individuell sind und die man nur in Kommunikation mit einem Sangha lernen kann, der über die Instruktionen verfügt und wo es Leute gibt, die entsprechend üben. Die folgende Hinweise sind als Fingerzeige zu verstehen, mehr darüber kann ich grundsätzlich nur im persönlichen Kontakt offenbaren (z. B. im Lauf von Gruppenretreats, die einer Anuttara Tantra Praxis gewidmet sind)
  • Erotische Erfüllung: Im Sinn des oben gesagten basiert Karmamudra auf Liebesfähigkeit und Erfahrungen von erfüllter, entspannter Erotik. Wer diese Erfahrungen noch nicht hat, muss sie erst einmal suchen. Diese Erfahrungen hängen von einem selbst ab, wer auf die Märchenprinzessin oder den Märchenprinzen wartet, wird sie mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht machen.
  • Befreiung von Konzepten: Ein freies Spiel der sexuellen Energie ist nur möglich, wenn man sich weitgehend von gesellschaftlichen Konventionen und geistigen Konzepten befreit, die dieses Spiel behindern. Es ist nicht erforderlich, verheiratet zu sein, es ist nicht erforderlich, in sexueller Monogamie zu leben, man sollte nicht nach Partnern mit einem bestimmten Aussehen oder gesellschaftlichem Status suchen, man sollte eigene Phantasien und Wünsche analysieren und zulassen, auch wenn sie den bisherigen erotischen Verhaltensmustern nicht entsprechen, und so weiter und so fort - leider gibt es in unserer Kultur über all das eine tiefe Unsicherheit, von freier Liebe keine Spur.
  • Körperliche Fitness: Das größte Sexualorgan des Menschen ist zwar sein Gehirn, aber sowohl sinnliche Wahrnehmung als auch motorische Aktivität erfolgt mit dem ganzen Körper. Ausreichende Bewegung, gesunde Ernährung, Schlaf, maßvoller Umgang mit Alkohol und diversen Substanzen (in der buddhistischen Tantra Tradition auch vollkommene Tabak-Abstinenz), all das ist erforderlich. Das Gewahrsein für den eigenen Körper muss durch geeignete Übungen entwickelt und vertieft werden.
  • Geistige Fitness: Kontinuierliche Praxis der Erzeugungs- und Vollendungsphase eines Gottheitenyoga der Anuttara Tantra Klasse der Tantras, Erfahrung eines intensiven Einzelretreats (wenigstens zwei Wochen), anders wird es schwer möglich sein, während einer erotischen Vereinigung die Selbst-Erzeugung als Heruka oder Dakini aufrecht zu erhalten.
  • Zuletzt: Einfach leidenschaftlich lieben und dabei die Identität von Glückseligkeit und Leerheit erfahren, letzteres bedeutet (unter anderem) das große Kunststück, nicht an der Partnerin / am Partner anzuhaften und in Gewohnheiten und Konzepte zurück zu fallen ....

Möge das klare Licht des ursprünglichen Tantra in diesem Land erscheinen ! Mögen die Wesen, die keine liebende Vereinigung haben, Vereinigung finden ! Mögen höchste Leerheitseinsicht und ausstrahlende Wonne von allen Wesen als untrennbar erkannt werden!


OM SARVA TATHAGATA ANURAGANA VAJRA SVABHAVA ATMAKO NA HAM.




Literaturangaben :
Miranda Shaw: Erleuchtung durch Ekstase - Frauen im buddhistischen Tantra, Krüger Verlag 1997
Dudjom Rinpoche: The Nyingma School of Tibetan Buddhism, Wisdom Publication
Gäng (Hg.): Das Tantra der verborgenen Vereinigung (Ghuyasamaja - Tantra ), Diedrichs Verlag
Farrow / Mennon: The concealed Essence of the Hevajra Tantra (Wurzeltantra und Kommentar übersetzt)
The Six Yogas of Naropa (in Tsong Kha Pa´s Commentary)