Anuttara Tantra








Helmut Poller

Erotisch-therapeutisches und buddhistisches Tantra -

eine besondere Vereinigung

Die westliche Tantra-Szene hat wenig Einblick in die spirituelle Anwendung des originalen indo-tibetischen Tantra, andererseits ein entspanntes Verhältnis zum erotischen Teil der Tantras und Erfahrung im Umgang mit Körperenergie. Die tibetisch-buddhistische Szene wiederum kennt zwar die spirituellen Hintergründe genau, hält aber den Kern der höheren Tantras, welcher mit realer sexueller Vereinigung einher geht, strikt unter Verschluss. Eine Synthese beider Welten würde beiden Seiten große Frucht bringen.

Grundsätzlich muss man im Westen zwei Arten von Gebrauch des Begriffs Tantra auseinander halten:

Erotisch-therapeutisches Tantra
Das ist jene Assoziation, die die durchschnittliche Europäerin mittlerweile hat, wenn sie das Wort Tantra hört. Wenn sie nie in einem Tantra-Workshop war, dann assoziiert sie: Asiatische sexuelle Praxis, langsamer, ausgedehnter Sex, spirituelle Elemente während des Sex, Integration des Sexuellen in das Spirituelle.
Wenn sie schon in einem Tantra-Workshop war (ich setzte im folgenden stets qualitativ hochwertige Angebote voraus), dann weiß sie, dass es keineswegs nur um Sex geht, sondern auch um Dinge wie Steigerung der Wahrnehmungsfähigkeit, Aktivierung der Körperenergie durch verschiedene Techniken der Körperarbeit, Aufdecken und Bearbeiten destruktiver Verhaltensmuster (Therapeutische Arbeit), Bewusstes Gestalten von Beziehungen (Beziehungsarbeit).

Ursprüngliches spirituelles Tantra
Dieses ist im Westen nach wie vor sehr wenig bekannt! Im alten Indien gab es zwei Religionen, den Hinduismus und den Buddhismus, welche beide eine allgemein bekannte orthodoxe, exoterische Version besitzen und eine wenig bekannte (auch in Indien!) esoterische Geheimlehre: Die Tantras. Tantras sind Texte, welche Geheimlehren enthalten. Selbstverständlich ist es mit dem Besitz eines solchen Textes nicht getan, es handelt sich vielmehr um Lehren, die in einem genau kontrollierten langjährigem Prozess von Mund zu Ohr weitergegeben werden. Jeder Tantra-Meister hat wieder einen Meister und so fort, auf diese Art bilden sich die sogenannten Übertragungslinien. Zu jedem Tantra gehört ein Text (welcher häufig das Wort Tantra im Titel trägt, etwa Hevajra-Tantra oder Kularnava-Tantra) und eine Linie, welche meistens viele Jahrhunderte in die Entstehungszeit des jeweiligen Tantra zurückreicht. Von den Tantra-Texten, sowohl von den hinduistischen als auch den buddhistischen, sind erst verschwindend wenige in westliche Sprachen übersetzt. Was steht in diesen Texten drinnen? Das läßt sich gar nicht so einfach sagen, da es sehr viele Gebiete sind, die in einem Tantra behandelt werden können. Häufig steht im Mittelpunkt eines Tantra eine Gottheit (männlich, weiblich oder in sexueller Vereinigung). Indem der Geist sich einpunktig auf diese Gottheit konzentriert (Mantras, Rituale, Visualisationen) verwirklicht er die besonderen höheren Bewusstseinskräfte dieser Gottheit. Die Tantras enthalten Rituale, Mantras, Übungen zur Aktivierung des Zentralkanals und der Chakras, religiöse und philosophische Darlegungen, magische Praktiken und - umfangmäßig zu einem geringen Teil - Praktiken zur Verwirklichung der jeweiligen Gottheit, welche mit sexueller Vereinigung verbunden sind.


Lha Chenpo, ein Gottheitenpaar der buddhistischen Tantras

Ich selbst übe seit 1982 hauptsächlich buddhistisches Tantra, meine erste Reise nach Indien 1999 hat mich motiviert, auch bestimmte Bereiche des Hindu-Tantra zu erforschen. Buddhistisches und hinduistisches Tantra unterscheiden sich zwar in der grundlegenden Philosophie, aber die grundsätzlichen Praktiken sind einander sehr ähnlich. Wenig bekannt ist im Westen, dass es zwischen den form- und stufenlosen Lehren des buddhistischen Tantra (Mahamudra und Dzogchen, das sind Lehren, die nicht mit Gottheitenyoga, Mantras und Ritualen verbunden sind) und bestimmten Lehren des nondualen Hindu-Tantra sehr deutliche Parallelen gibt. So deutlich, dass manche Übungsanweisungen aus einem buddhistischen und einem Hindu-Text praktisch auf die gleiche Übung hinauslaufen! Auf Details kann ich an dieser Stelle nicht eingehen, das Gefühl einer "überlegenen Sichtweise" welches Buddhisten oft gegenüber den Hindu-Lehren haben, ist meiner Ansicht nach jedenfalls deplaziert.

Im Westen gibt es in den letzten Jahren sehr viele Aktivitäten tibetischer Meister und von Gruppen, die dem tibetischen Buddhismus zuzurechnen sind. Der tibetische Buddhismus arbeitet mit tibetischen Übersetzungen der (in Sanskrit verfassten) buddhistischen Tantras. Allerdings ist der tibetische Buddhismus sehr stark klösterlich orientiert, ebenso die entsprechenden Ableger der tibetischen Schulen im Westen. Es hat im ganzen Himalayaraum (Tibet, Nepal, Bhutan Sikkim, Ladakh) immer den tantrischen Buddismus in seiner urprünglichen, nicht-klösterlichen Form gegeben, auch diese Traditionen sind in den letzten Jahren verstärkt in den Westen gelangt. Ich selbst gehöre dieser nicht-klösterlichen Tradition an, meine Meister sind größtenteils keine Mönche, sondern buddhistische Tantriker im ursprünglichen Sinn dieses Wortes.

Die meisten Buddhisten im Westen blicken auf das hauptsächlich von Osho begründete erotisch-therapeutische Tantra herab ("kein echtes Tantra"), was meiner Meinung nach ganz falsch ist. In den westlichen Gruppen, welche tibetischen Buddhismus üben, ist Sexualität kein Thema, es gibt einen auffällig hohen Prozentsatz von beziehungsgestörten, sexuell frustrierten Menschen in diesen Gemeinschaften. Wie man meinen kann, zur Verwirklichung der buddhistischen Tantras zu gelangen, ohne befriedigenden Sex und glücksbringende Beziehungen zu haben, ist mir persönlich ein Rätsel. In der tibetisch-buddhistischen Szene im Westen wird die Lösung dieses Rätsels aufgeschoben, indem man erklärt, dass Praktiken sexueller Vereinigung nur sehr weit fortgeschrittenen Schülerinnen vorbehalten sind - und solche gibt es im Westen eben nicht. Ähnliches wird naturgemäß von den tibetischen Mönchen behauptet, die im Westen lehren, deren Darlegungen zu sexuellen Themen erinnern mich stark und unangenehm an die stets mahnenden Zeigefinger katholischer Priester. Unter den buddhistischen Gruppen im Westen gibt es nur sehr wenige, welche mit mir die Meinung teilen, dass ohne Integration der sexuellen Energie in den Pfad keine Erleuchtung möglich ist. Genau das sagt aber Padmasambhava, der große Meister der buddhistischen Tantras, welcher die Tantras als erster von Indien nach Tibet brachte:

"Ohne sexuelle Vereinigung gibt es keine Erleuchtung" (***)


Hevajra Yab-Yum

Andererseits, was nun das erotisch-therapeutische Tantra betrifft, herrschen unter dessen Anhängerinnen häufig große Vorurteile gegenüber dem ursprünglichen spirituellen Tantra. Das größte Vorurteil kommt wohl daher, dass der sexuelle Aspekt im ursprünglichen Tantra eine marginale Rolle zu spielen scheint. In buddhistischen Gruppen werden oft Gottheiten visualisiert, Mantras rezitiert und ähnliches mehr, aber es findet weder Körperarbeit noch psychologische Arbeit statt und schon gar nicht Paarübungen, die typischerweise schon in Basisseminaren des erotisch-therapeutischen Tantra stattfinden. Aus der Perspektive von Übenden des erotisch-therapeutischen Tantra sieht das buddhistische Tantra so ganz und gar nicht aus wie Tantra. Das ist aber ein Irrtum, der damit zusammenhängt, dass buddhistisches Tantra ein äußerst tiefgründiger und komplexer Stufenweg ist. Im allgemeinen ist bei vielen Traditionen eine langjährige vorbereitende Schulung erforderlich, bevor in Praktiken eingeführt wird, die sexuelle Vereinigung beinhalten. Diese Praktiken werden nach wie vor sehr geheim gehalten, man erfährt darüber fast nichts aus Büchern (zumindest nichts, was man praktisch anwenden kann). In typischen buddhistischen Gruppen weiß man darüber oft nichts oder verweist darauf, dass derlei nur für weit Fortgeschrittene in Frage kommt. Viele Gruppen betreiben ausschließlich die unteren und mittleren Stufen dieses Stufenweges, die Praxis der sexuellen Vereinigung gehört aber in allen Linien zur höchsten Tantra-Stufe, dem sogenannten Anuttara-Tantra.

Ein anderes Problem für Übende des erotisch-therapeutischen Tantra besteht darin, dass Veranstaltungen, in denen buddhistisches Tantra, insbesondere Anuttara-Tantra gelehrt wird, nicht einfach unverbindlich besucht werden können. Man muss formal Buddhist werden, da buddhistische Einweihungen eben nur für Buddhisten gedacht sind (das ist nicht weiter erstaunlich, für das christliche Sakrament der Ehe muss man auch Christ sein). Weiters sind eine Reihe von Verpflichtungen und Regeln einzuhalten, und zwar auch in der Zeit nach der Einweihung. Es handelt sich beim buddhistischen Tantra eben um eine Tradition, die aus einer alten, ethisch und intellektuell sehr hochstehenden Kultur kommt. Trotzdem ist es möglich, buddhistisches Tantra im Westen so zu übertragen, dass die Resultate der Übungen auch wirklich eintreten. Der tantrische Buddhismus hat als Teil des Mahayana-Buddhismus den universalen Anspruch, der Bewusstseinserweiterung ALLER Menschen dienen zu können, unabhängig von ethnischer Herkunft, sozialem Status und Geschlecht. Letzterer Punkt verdient besondere Erwähnung, da im buddhistischem Tantra Männer und Frauen vollkommen gleichberechtigt sind, was man weder vom orthodoxen Buddhismus sagen kann noch von den weitaus meisten Religionen auf diesem Planeten. Diese Gleichstellung steht auch in diametralem Gegensatz zu den sozialen Verhältnissen im alten Indien, das buddhistische Tantra (und speziell die Mutter-Tantra-Abteilung des Anuttara-Tantra) bildet nicht indische oder tibetische Verhältnisse ab, sondern es ist eine ziemlich radikale Gegenbewegung gegen soziale und religiöse Erstarrung im allgemeinen, eine Bewegung, die auch im Westen und im 21. Jahrhundert nichts von ihrer Bedeutung eingebüßt hat. Auch dieses Faktum ist im Westen wenig bekannt, wodurch verschiedene Vorurteile begünstigt werden.

Es ist immer zu bedenken, das buddhistisches Tantra eine anspruchsvolle Geheimlehre darstellt, die auch in den Ländern ihrer größten Verbreitung, z. B. in Tibet, nur von einem sehr kleinen Prozentsatz der Bevölkerung praktiziert wird. In Tibet sieht man zwar in jedem Kloster Abbildungen und Statuen von den auch im Westen mittlerweile sehr beliebten Buddhas in sexueller Vereinigung, doch über die eigentliche PRAXIS, die hinter diesen Bildern steht, weiß der typische Tibeter genau soviel wie der typische Westler - nämlich sehr wenig.

Wie geht die Praxis der erotischen Vereinigung im buddhistischen Tantra nun wirklich vor sich? Das erfährt man im Magisch-Tantrischen Orden Anuttara Kula


(***) Das Originalzitat besagt: "Ohne Karmamudra kein Mahamudra." Das ist nichts weiter als eine Umschreibung in buddhistischer Terminologie für die obige freie Übersetzung. (zurück)