|
||
![]() ![]() ![]() |
Kalachakra FAQ (Frequently Asked Questions)![]() Bild: Himalayan Art Die Lamas auf diesem Bild gehören verschiedenen Schulen an, womit Kalchakra als Lehrzyklus gezeigt wird, welcher in verschiedenen Schulen gepflegt wird. zunächst ein Hinweis auf zwei sehr gute Quellen zu Kalachakra: International Kalachakra Network enthält eine umfassende Einführung in das Kalachakra und erschließt Gruppen, Literatur und andere Webquellen. Alexander Berzin, ein amerikanischer Tibetologe, der ein ins deutsche übersetzte Buch über Kalachakra geschrieben hat, versammelt hier einige Materialien zu Kalachakra. Im folgenden möchte ich auf ein paar "häufig gestellte Fragen" zu Kalachakra eingehen, Fragen die zu Missverständnissen Anlass geben oder die von der im Buchhandel erhältlichen Literatur nicht wirklich beantwortet werden. Was die Literatur betrifft, sind zwei Dinge zu bedenken: Erstens, es sind erst geringe Teile des Kalachakra - Tantra bzw. der wesentlichen Kommentare (wie dem Vimalaprabha) in westliche Sprachen übersetzt. Die meisten Bücher sind entweder nur einführend oder kommentierend - die Lage ist etwa so, also würde man von Gelehrten Zusammenfassungen und Erklärungen der Bibel erhalten, die Bibel selbst aber nie zu Gesicht bekommen - oder sie enthalten nur Kommentare zu Praxistexten, etwa das Werk "Kalachakra Tantra" von S.H. dem Dalai Lama. Natürlich ist zu bedenken, dass die erforderliche Geheimhaltung es unmöglich macht, bestimmte Dinge in den Buchhandel zu bringen, die Lage sieht für Leute mit Einweihung, welche sich einer Praxisgruppe anschließen, schon etwas besser aus, es ist aber noch sehr, sehr viel zu tun. Die Praktizierenden sollen sich darüber im klaren sein, dass die erhältlichen Bücher im allgemeinen nicht mehr als einen ersten Einblick in das Kalachakra bieten können. Zweitens, die erhältliche Literatur stammt fast auschließlich vom Dalai Lama selbst, von Meistern der Gelug-Schule (welcher der Dalai Lama angehört), von Tibetologen, die Schüler des Dalai Lama oder Schüler von Gelug Meistern sind. Es ist aber zu bedenken, dass es innerhalb der Traditionen des tibetischen Buddhismus eine eigene, wenig bekannte Schule (die Jonangpa) gibt, die sich auf das Kalachakra spezialisiert hat, abgesehen davon ist Kalachakra auch in den anderen Schulen (Sakya, Kagyü, Nyingma usw.) zu finden. Kalachakra ist keine Lehre, die nur in der Gelug Tradition zu finden ist, sondern eine völlig für sich stehende Lehre des tantrischen Buddhismus. Ich respektiere die Gelug-Tradition im Sinn eines konsequent nicht-sektiererischen Ansatzes genauso wie alle anderen Vajrayana-Traditionen, aber eines sollte jede Kalachakra Praktizierende wissen: Die erhältliche Literatur präsentiert Kalachakra auf eine spezifische Weise, es gibt andere Formen der Präsentation und damit auch andere Formen des Vorgehens in der Praxis. Und nun, sehr gedrängt, sehr summarisch, zum Teil ohne näheren Beweis, ein paar FAQs. Diese Folge wird fortgesetzt. Frage: Ist Kalachakra eine höhere Lehre als andere Anuttara-Tantras, ist es ein schnellerer Weg, unterscheidet es sich grundlegend von anderen Anuttara-Tantras und wenn ja wie? Antwort: Ausgehend von dem allgemein über das Anuttara-Tantra bereits gesagtem gilt: Kalachakra ist ein Anuttara Tantra, es gibt in der Sichtweise nicht den geringsten Unterschied zu anderen Anuttara-Tantras, etwa den in Gelug-Linien sehr wichtigen Zyklen von Ghuyasamaja und Yamantaka. Es gibt auch kein anders Ziel, als die Buddhaschaft, die im Kontext des Anuttara oft als das Erlangen des Zustands von Vajradhara beschrieben wird. Kalachakra ist weder schneller als die anderen Anuttara-Lehren verwirklichbar, noch kann man sagen, dass es eine noch höhere Lehre darstellt. Eine gewisse Sonderstellung nimmt das Kalachakra im Reich der Anuttara-Lehrzyklen aber trotzdem ein. In der Symbolik der Positionen von Gottheiten, Farben und so weiter im Mandala gibt es innerhalb der anderen Anuttara-Tantras große Ähnlichkeiten, es kann sogar gesagt werden, dass man vieles mit kleinen Modifikationen von einem Zyklus in den anderen übertragen kann. Bei Kalachakra ist vieles anders als bei den anderen Tantras, sowohl was die Erzeugungsphase (das Mandala der Gottheiten) als auch die Vollendungsphase (Kanäle. Zentren, Tropfen) betrifft. Ähnlich wie bei einem Paar, das in aufeinander folgenden Jahren einige Kinder bekommt, und nach einem Jahrzehnt Pause kommt dann noch ein Nachzügler, ist Kalachakra der Nachzügler, es ist das historische jüngste Anuttara - Tantra und hat weniger Verbindungen mit den früheren Tantras als diese untereinander. Einen anderen Unterschied zu den anderen Tantras gibt es in der genauen Beschreibung des Endresultates und der mit der Erlangung des Endresultates verbunden Phänomene, diese Unterschiede haben für die Anfänger, die wir größtenteils sind, wenig Relevanz, wir sollten dankbar sein, dass wir einen sehr weit führenden spirituellen Weg gehen können und nicht, wie man es immer wieder hört, zum Beispiel darüber spekulieren, ob die Erlangung von Maha Ati eine höhere ist als die von Mahamudra. Frage: Warum ist das Kalachakra deutlich komplizierter als die anderen Tantras, was hat diese Komplexität für eine praktische Bedeutung, muss ich wirklich lernen, 700 Gottheiten zu visualisieren? Antwort: Bei Kalachakra ist die Komplexität höher, das Mandala der Gottheiten ist vielschichtiger und von mehr Gottheiten bewohnt als in anderen Tantras, das System der feinstofflichen Kanäle, Zentren und Energien wird komplizierter gedacht als in anderen Tantras, die Struktur der Einweihungen ist erheblich komplizierter (statt den üblichen vier Einweihungen gibt es sieben Basis-Einweihungen, vier höhere und vier höchste Einweihungen) und so weiter. Der Grund dafür ist sehr einfach: Wie in allen Anuttara-Tantras handelt es sich bei Kalachakra um ein allgemeines Beschreibungsmodell emotioneller, intellektueller, feinstofflicher und materieller Gegebenheiten, die mittels der Pfadmethoden in den Pfad integriert werden. Wenn wir, wie es in den frühen Stufen der Tantras üblich war, zwischen drei Geistesgiften unterscheiden (Hass, Gier, Ich-Anhaftung), dann benötigen wir zum Beispiel eine Visualisation in drei Teilen, durch die die drei Geistesgifte verwandelt werden sollen (etwa weißes Om, rotes Ah, blaues Hum), unterteilen wir aber die Geistesgifte in fünf Teile (plus Stolz und Eifersucht) werden die Übungen in diesem System fünffach (etwa das Mandala der fünf Dhyani-Buddhas). Wohlgemerkt, es handelt sich hier nie um Behauptungen über tatsächlich existente Dinge - das wäre dem Buddhismus an sich fremd - sondern um Modelle, Modelle allerdings von hohem praktischen Nutzen (ähnlich wie man in der Physik immer feinere Beschreibungsmodelle entwickelt). Man kann auch nicht sagen, dass das einfache Modell dem komplizierten überlegen ist oder umgekehrt, allerdings sollte man sich als Praktizierender zumindest für ein paar Jahre für eines dieser Modelle entscheiden (sonst wird man nämlich keines verstehen geschweige denn zu einer Verwirklichung gelangen). Kalachakra geht einfach vom einem komplizierteren psycho-physischen Modell des Menschen aus, vielen Detail-Energien, deren Existenz in anderen Tantras nicht einmal erwähnt wird, wie etwa der Funktion des Ausscheidens, sind eigene Gottheiten zugeordnet. Dazu kommt noch, das sich das Kalachakra mit der Außenwelt viel genauer befasst als andere Tantras, im Mandala sind jede Menge personifizierte Energien der Elemente, Planeten, Tierkreis-Zeichen und vieles mehr untergebracht. Weiters ist zu bedenken, dass bei der siebenfachen Einweihung ("siebenfacher Selbst-Eintritt eines Kindes"), die üblicherweise öffentlich gegeben wird, nur ein kleiner Teil all dieser Gottheiten eine aktive Rolle spielen, z.B. sind gerade die besonders komplizierten Versammlungen auf der Ebene des Körper-Mandalas (360 Tagesgottheiten u.a.) erst auf höheren Stufen von praktischer Relevanz. Man sollte sich von der Komplexität auf keinen Fall abschrecken lassen, das Kalachakra Mandala der Praktizierenden ist wie eine vielstufige Pyramide mit einer sehr breiten Basis (damit hängt auch das sonst ungebräuchliche öffentliche Geben der Einweihung zusammen), es ist schon sehr gut, wenn man sich mit Hilfe einer einfachen täglichen Praxis auf der untersten Ebene bewegen kann. In manchen Büchern heißt es, dass die Erzeugungsphase des Kalachakra erst absolviert ist, wenn man alle 722 Gottheiten des Mandala gleichzeitig visualisieren kann. In Wirklichkeit ist das kaum möglich und es ist auch nicht in dieser Strenge erforderlich. Das Visualisieren selbst ist ja nur Methode und kein Selbstzweck, es soll den Geist des Übenden zur Übertragung des Geistes der Gottheit geneigt machen. Wer überhaupt noch keine Erfahrung mit Gottheiten-Yoga des tantrischen Buddhismus hat, sollte mit einer eingesichtigen, zweiarmigen Form beginnen, das Visualisieren zu üben, wer schon Erfahrung hat, etwa mit anderen Anuttara-Gottheiten, kann beginnen, zunächst die Hauptform von Kalachakra (mit vier Gesichtern, 24 Armen, vereinigt mit der achtarmigen Vishvamata) zu üben. Die Abbildung auf dieser Seite zeigt den eingesichtigen Kalachakra, diese Form kommt auch im Kalachakra-Guru-Yoga vor (der Meister wird in dieser Form visualisiert), diese Form wird auch bei der Praxis der sexuellen Vereinigung und der Vollendungsphase (d.h. der Praxis des inneren Energiesystems) benutzt. Zunächst aber ist die Erzeugungsphase zu üben, und die zentrale Gottheit ist in diesem Fall die 24-armige Form umgeben von den acht Shaktis. Frage: Ist es möglich, als Mensch mit Job und Familie die Lehren von Kalachakra zu verwirklichen oder muss man nicht Nonne oder Mönch werden, um alles darüber in Erfahrung zu bringen bzw. den ganzen Tag praktizieren zu können? Antwort: Die Siddhas, welche das Kalachakra-Tantra als erste gelehrt haben, waren zum weitaus größten Teil keine Mönche, die Könige von Shambhala - die mystischen Linienhalter von Kalachakra - sind keine Mönche, viele der zeitgenössischen Yoginis und Yogis, die sich wirklich auf Kalachakra spezialisiert haben sind keine Nonnen bzw. Mönche. Die Kalachakra-Einweihung, die ja öffentlich an zahlreiche Menschen gegeben wird, die mit großer Mehrheit keine Nonnen oder Mönche sind, ermächtigt zur Kalachakra-Praxis, es wird weder erwartet, noch ist es erforderlich, Nonne oder Mönch zu werden, um Kalachakra zu praktizieren. Das gilt auch für die höchsten Ebenen der Kalachakra-Lehren. Praktisch ergeben sich bei der Integration von allen Anuttara-Tantras in das Leben im Westen verschiedene Probleme. Gerade dadurch, dass jede Praktizierende diese Probleme löst, wird die Verankerung des Vajrayana innerhalb der technischen und wirtschaftlichen Gegebenheiten in den industrialisierten Ländern des Westens ermöglicht, und das ist ja der Sinn der Praxis. Um in die Kalachakra-Lehren einzudringen, sollte man täglich wenigstens eine Stunde üben, mehr ist natürlich immer besser, man sollte die Kommunikation mit anderen Übenden suchen (ohne Gemeinschaft ist das ganze Anuttara Tantra nicht ungefährlich, weil sich völlig unzutreffende Vorstellungen und Projektionen entwickeln können), man sollte sich ab und zu in ein wenigstens einwöchiges Gruppen- oder Einzelretreat zurückziehen, praktizierende Paare sollten neben den Einzelretreats auch als Paar Retreat machen, länger als eine Woche ist natürlich besser. Die Erfahrung des Einzelretreats, wo man unabgelenkt und völlig eigenen Bedürfnissen und Intentionen gemäß praktiziert, ist unverzichtbar, dazu gibt es auch eigene Instruktionen. Frage: In den Büchern liest man immer wieder, dass es zu den Gelübden im Kalachakra gehört, keinen Orgasmus zu haben. Auch seine Heiligkeit hat in Graz sehr offen erläutert, dass es im Kalachakra - Tantra die Praxis der sexuellen Vereinigung gibt (Karmamudra-Praxis), dass es sich dabei aber nicht um eine gewöhnliche sexuelle Vereinigung handelt, sondern dass es dabei zu keinem "Abfluss" des Samens bzw. des weiblichen Sexualsekrets kommen dürfe. Wie ist das zu verstehen, wie sieht die praktische Umsetzung aus? Antwort: In allen Tantras der Anuttara-Klasse, keineswegs nur im Kalachakra, wird die sexuelle Energie als Mittel des Pfades verwendet. Das hat zwei Seiten, eine psychisch-emotionelle und eine technisch-energetische. Was ersteres betrifft, haben wir alle die Sehnsucht nach liebender erotischer Vereinigung, Anuttara Tantra arbeitet grundsätzlich mit dieser (und anderen Antriebskräften) und nicht gegen diese. Die Entwicklung von (nicht-unterscheidender) Liebe und Mitgefühl ist im Mahayana-Buddhismus die Hauptmethode, im Vajrayana symbolisiert durch den Vajra, während die Entfaltung der Meditation über die Leerheit die Weisheit darstellt, symbolisiert durch die Glocke. Die Liebe zu einem anderen Menschen kann, wenn sie ohne Anhaftung und Besitzergreifen entfaltet wird (genau das ist der Leerheitsaspekt) die Ich-Grenzen überwinden und die Entwicklung von Liebe und Mitgefühl zu allen fühlenden Wesen hervorragend fördern. Das ist der Königsweg des ursprünglichen Tantra. In der gängigen Literatur über Kalachakra findet man häufig negative Bewertungen der sexuellen Vereinigung, wie etwa, dass die besten Praktizierenden keine Vereinigung "brauchen", oder das eine visualisierte Vereinigung zu einem höheren Resultat führt als eine tatsächliche. Diese Bewertungen stammen durchwegs von kommentierenden Mönchen und können aus den eigentlichen Quellen nicht hergeleitet werden, im Gegenteil, sie passen nicht zur allgemeinen Sichtweise des Anuttara-Tantra. Es ist aber verständlich, dass Mönche sich zu diesem Thema oft in Warnungen und Ermahnungen ergehen, häufig gipfelnd in der Aussage, dass die Praxis des Vereinigung nur von sehr weit fortgeschrittenen Übenden ausgeführt werden kann. Wäre dem so, dann müsste die Majorität der Übenden, zum Beispiel die zehntausend Menschen, welche bei der Kalachakra Einweihung in Graz anwesend waren, auf die Praxis der sexuellen Vereinigung verzichten (nicht genug fortgeschritten), statt dessen würden sie jene gewöhnliche Vereinigung üben, die sie gewohnt sind, handelt es sich doch in der Überzahl um Menschen mit Beziehungen, Familie und so weiter. Die sexuelle Energie würde dann eben nicht integriert werden, sondern sozusagen außerhalb des spirituellen Bereichs liegen. Genau so ist die Sache aber NICHT gedacht, vielmehr sollten Kalachakra-Übende ihre erotischen Bedürfnisse als Teil der Praxis leben, aber eben ohne Orgasmus. Damit komme ich zur technisch-energetischen Seite der Angelegenheit. Das innere Feuer, welches im Zentralkanal nach oben züngelt, um dort durch Abschmelzen des im Kopf befindlichen weißen "Tropfens" die sogenannten vier Freuden zu erzeugen - das ganze ist eine wesentliche Praxis für das Energiesystem - kann durch Visualisation, Atem- und Körperübungen, also durch bewusste Anstrengung entfacht werden. Es kann aber auch (in entsprechend vorbereiteten Übenden) während der sexuellen Vereinigung anstrengungslos entstehen. Die Übung basiert auf einer Umkehrung des gewöhnlich nach unten gerichteten Energieflusses, durch den Samenerguss bzw. den ebenfalls mit dem Abfluss eines Sekrets verbundenen weiblichen Orgasmus geht diese Energie verloren und kann nicht als Mittel des Pfades eingesetzt werden. Wenn diese Praktiken richtig ausgeführt werden, hat man nicht das geringste Gefühl, auf etwas zu verzichten, im Gegenteil, die Erfahrungen gehen über die üblichen sexuellen Freuden hinaus und bleiben vor allem außerhalb der sexuellen Handlungen erhalten. Details der Übungen, welche die Umkehrung des Energieflusses bewirken, dürfen nicht öffentlich dargelegt werden, es handelt sich NICHT darum, mit sexuellen Handlungen rechtzeitig vor dem Orgasmus aufzuhören, das allein geübt kann unter Umständen zu Schädigungen des Energiesystems führen. Festgestellt sei noch, dass im Kalachakra (im Unterschied zu anderen Tantras) bestimmte Vorbereitungen zur eigentlichen Vollendungsphase, Bindu-Yoga und subtiles Yoga genannt, schon während der Erzeugungsphase geübt werden können, und dass diese Übungen auch mit der Praxis der Vereinigung einhergehen können. (vgl. Gen Lamrimpa: Kalachakra, S. 209 f.). Meiner persönlichen Meinung nach ist es für nicht-zölibatäre Übende durchaus angemessen, dieses "können" durch "sollen" zu ersetzen, da andernfalls das tantrische Gelübde, auf den orgasmischen Abfluss zu verzichten, nicht gehalten wird und die sexuelle Energie nicht in den Pfad integriert wird. Dieses Gelübde haben alle, die die Einweihung genommen haben, abgelegt. Wir beklagen uns im Westen oft darüber, dass wir so wenig Zeit zum Üben haben, aber viele Gelegenheiten zur Übung, die sich von selbst anbieten, nutzten wir nicht! Es ist aber klar, dass man mit diesen Dingen nicht im stillen Kämmerlein nach eigenem Gutdünken arbeiten soll, man braucht Informationen von Übenden, die wissen, wie dieses Praxisformen wirklich funktionieren. Das feinstoffliche Energiesystem ist subtil und empfindlich, man soll nicht versuchen, plötzliche Veränderungen in den Energieflüssen zu erzielen, ohne zu wissen, was man tut. Zusammengefasst, das Ganze ist sicher nicht so gemeint, dass man von einem Tag auf den anderen auf den Orgasmus verzichten muss, weil man andernfalls ein Gelübde bricht, aber man sollte sich langsam mit dem Gedanken anfreunden, die erforderlichen Informationen einzuholen und entsprechend zu üben. Einen definitiven Bruch des Gelübde stellt im übrigen die Idee (und entsprechende Praxis) dar, MITTELS des Orgasmus zur Befreiung gelangen zu wollen. Frage: Im Kalachakra Tantra gibt es Prophezeihungen, dass in ein paar Hundert Jahren der letzte Kalachakra-König einen Krieg gegen die Dämonenkönige führt, den er siegreich beendet, es werden auch Kriegsmaschinen im Text beschrieben, manche Kommentatoren deuten an, dass es sich bei den Feinden des Buddhismus vor allem um die Moslems handeln könnte. Was ist von diesen Prophezeiungen zu halten, gibt es tatsächlich laut Kalachakra so eine Art endzeitlichen Kampf zwischen Buddhisten und Nicht-Buddhisten, den die Buddhisten gewinnen? Antwort: Erstens, alle Anuttara-Tantra Texte sind in einer Sprache geschrieben, die "Zwielichtsprache" genannt wird, das bedeutet, dass die Texte auf mehreren Ebenen gleichzeitig zu lesen sind, wobei viele Einzelheiten der wirklichen Bedeutung nur in mündlichen Mund zu Ohr Instruktionen sozusagen entschlüsselt werden. Das Thema der Zwielichtsprache kann an dieser Stelle nicht genauer erläutert werden, aber eines mögen die Leute, die über die Bedeutung dieser Texte spekulieren, doch bitte freundlicherweise zu Kenntnis nehmen: Die Reduktion auf die wörtliche Bedeutung wird den Inhalten in keiner Weise gerecht. Aus diesem Grund hat man früher tantrische Texte nur Eingeweihten zugänglich gemacht, bzw. genau genommen nur Leuten, die als Schüler eines Meisters der mündlichen Instruktionen für würdig befunden wurden. Die Behauptung mancher Kommentatoren, dass ausgerechnet das Kalachakra nicht in dieser symbolischen Sprache geschrieben ist, sondern klar und unverschlüsselt sein soll, trifft in dieser Form nicht zu. Die "Klarheit" des Kalachakra bezieht sich nur auf die sogenannte "Kostbare Wortinitiation" welche das Ziel (im Gegensatz zu anderen Anuttara-Tantras) unverschlüsselt darstellt, keineswegs auf das ganze Kalachakra Tantra. Man kann nicht Chroniken (Teile des Kalachakra-Tantra!), nach denen die Könige von Shambhala seit Jahrhunderten jeweils hundert Jahre lang regieren, wörtlich als historische Tatsachen nehmen. Man kann auch nicht entsprechend eigener Vorstellungen zwischen wörtlicher und symbolischer Bedeutung hin- und herspringen, wie es einem einfällt, der einzige Weg zum Verständnis ist Praxis und mündliche Instruktion durch Linienhalter der Kalachakra-Lehren. Zweitens: In der Anuttara-Sichtweise ist die Zeit aufgehoben. Natürlich gibt es nicht so etwas wie ein besseres und ein schlechteres Samsara, entweder man hat die Lehren verwirklicht oder eben nicht, es ist völlig egal in welcher Zeit man lebt, schon der bloße Gedanke an die Zukunft (genauso wie der Gedanke an die Vergangenheit) ist ein Hindernis, welches der Erkenntnis der Natur des Geistes entgegensteht. Es macht einfach keinen Sinn darüber nachzudenken oder es zu erhoffen, dass die Welt in der Zukunft mehr buddhistisch wird, was heißt überhaupt mehr buddhistisch? Jede einzelne Übende kann nichts mehr tun, als EBEN JETZT sich von allen Leid bringenden Gewohnheiten, Konzepten und Projektionen zu befreien, gelingt diese Befreiung, wird sie auch spontan für andere Wesen nützlich sein. Prophezeiungen sind eigentlich dem Buddhismus etwas grundlegend fremdes (was aber nicht allgemein verstanden wird), trotzdem gibt es - angepasst an die Bedürfnisse verschiedener Wesen - immer wieder welche (schon im Palikanon). Buddhistische Unterweisungen beziehen sich überhaupt nie auf die Welt rundherum, es geht immer um den Geist der Übenden. Prophezeiungen in buddhistischen Texten sind daher nie wörtlich als Aussagen über sich tatsächlich in der Zukunft ereignende Dinge zu nehmen. Wie sollte es anders sein, wenn die Sichtweise davon ausgeht, dass es überhaupt keine tatsächlich sich ereignende Dinge gibt, "weder existent, noch nicht existent, ohne ein Kommen, ohne ein Gehen ... " und so weiter heißt es im Mahayana. Wer jetzt verwundert den Kopf schüttelt, möge sich bitte über abhängiges Entstehen, Leerheit und ähnliches Dharma-Basiswissen unterrichten, im übrigen eine unabdingbare Voraussetzung für jede Anuttara-Praxis, wie gerade Seine Heiligkeit niemals müde wird, zu betonen. Andernfalls wird sich Kalachakra als weltliche Gottheit manifestieren, und nicht als erleuchtetes Wesen, welches WEISS, dass alle Phänomen leer von unabhängiger Eigenexistenz sind, auch Kalachakra, auch die Zukunft, auch der letzte Kalachakra-König. Starker Tobak, ich weiß, es erhebt sich dazu noch die Frage, wozu sind diese Prophezeiungen, die ja tatsächlich in den Texten drinnen stehen, überhaupt gut? Sie gelten nur für die Praktizierenden selbst, nicht aber für die Außenwelt, sie beschreiben INNERE REALITÄTEN, welche - auch entsprechend des abhängigen Entstehens - durch die Praxis erschaffen werden, und wenn viele Übende gemeinsam anhand von bestimmten Texten Realitäten schaffen, dann hat das letztlich eine Auswirkung auf die Außenwelt, aber sicher nicht in Form verletzender und tötender Buddhisten. "Vom Geist sind alle Dinge geschaffen, vom Geist sind alle Dinge geführt. Ein Geist, der sich heilsamen Gedanken und Handlungen zuwendet, schafft heilsames, ein Geist der sich unheilsamen Gedanken und Handlungen zuwendet schafft unheilsames", so ähnlich steht es in hundert Variationen im Pali-Kanon, das ist Buddhismus, und nicht irgendwelche Phantasien vom Sieg der Buddhisten über die Moslems - das wäre bereits ein Geist, der sich unheilsamen zuwendet. Wer glaubt, dass Dharma-Praktizierende Nicht-Praktizierenden überlegen sind, hat noch nicht verstanden, was Dharma-Praxis bedeutet, was nicht-unterscheidendes Mitgefühl bedeutet, was Leerheit bedeutet. Die Speere, Schwerter, Schilder, Beile und so fort, die Kalachakra in den Händen hält, sind WEISHEITSWAFFEN, sie dienen nicht eine Sekunde lang dazu andere Personen oder Religionen zu bekämpfen, sondern einzig die schlechten Angewohnheiten der Schülerin, Identifikationen, Anhaftung und Aversion und so fort. Vergleiche hierzu die profunden Ausführungen von Alexander Berzin unter den Titeln "Relation with Islam and Hinduism" sowie "Shambhala". Shambala, der Buddhabereich von Kalachakra, hat zu vielen Spekulationen Anlass gegeben, welche sich alle aus den tibetischen Quellen nicht ableiten lassen. |
|